Die Kluft zur jungen Generation scheint riesig. Er komme sich wie ein Ururgroßvater vor, der mit seinen Ururenkeln spricht, sagt der Ich-Erzähler, der an einem Sonntag im Herbst durch die Innenstadt von Madrid irrt, auf einer Parkbank einschläft, bevor er nach Hause – einer Dachkammer mit Bad – findet. Was er beobachtet und was ihm durch den Kopf geht, liest sich wie eine Dystopie der westlichen Zivilisation: Die Digitalisierung, die allgegenwärtigen Bildschirme und ein Sauberkeitswahn haben Buchhandlungen, Bibliotheken, überhaupt alles Gedruckte, Museen, Kinderspielzeug, Schriftstellertum, philosophische Fakultäten, und Kinos verdrängt, doch die Menschen bedauern es nicht, sondern leben als glückliche Sklaven in einer von Technologie und blankem Realismus geprägten Gesellschaft, in der Krebs und Hunger besiegt sind und ein Atomkrieg allenfalls zwischen China und Indien droht. Ein bisschen Rebellentum in dieser sterilen Gegenwart gibt es noch, zumindest im Traum: Dem alten Mann erscheinen Anhänger einer weltweiten Jugendbewegung, die das unentwegte Arbeiten am Bildschirm ablehnen und dem Müßiggang frönen. Zugleich treiben sie das Sauberkeitsdenken und Gesundheitsbewusstsein so weit, dass sie den Geschlechtsverkehr ablehnen und sich lieber um die Reinheit ihrer Haut und ihres Magens kümmern. Radikales Vegetariertum und die Gleichstellung von Mensch und Tier, bis hin zu Mischehen zwischen beiden, kommen hinzu.

Das Ganze bliebe ein weltanschaulicher Gedankenstrom, würde es nicht zweifach ergänzt. Da ist zum einen der Gedächtnisverlust des Ich-Erzählers, der ihn in eine persönliche Notlage bringt. Der Greis hat vergessen, wo er wohnt, und wirkt daher, mitten am Tag in der belebten Metropole, verloren. Seine Versuche, den Weg nach Hause zu finden und seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, seine Überlegungen, zur Polizei zu gehen und womöglich verhaftet zu werden, das Verstreichen der Stunden, mit denen Dunkelheit und Kälte näher rücken – all das verleiht der Erzählung Spannung. Man bangt, ob und wie diese Figur sich aus der Situation herauswindet. Die Vergesslichkeit wird unmittelbar spürbar, wenn der Erzähler manche Zusammenhänge fast wortgleich wiederholt, als wüsste er nicht mehr, was er schon mitgeteilt hat.

Zum mentalen Defekt kommt ein körperlicher, und das ist die zweite Zutat, die mit dem kulturpessimistischen Sinnieren einhergeht und dem Text eine komische Note verpasst. Der Protagonist leidet unter Blähungen. Sie kommen gleich im ersten Satz zur Sprache, nur dass man es da noch nicht versteht, ebenso wie einem erst später aufgeht, dass der Titel „Winde“ weniger die des Herbstes als die des Körpers meint. Nicht nur seine Orientierungslosigkeit, auch seine Ausdünstungen versucht der alte Mann vor seinen Mitmenschen zu verbergen. Beides verstärkt seinen Eindruck von Isolation. Umgekehrt passt sein Gedächtnisverfall ganz gut zum allgemeinen Kulturverfall (zur digitalen Demenz), und mitunter bekommt man den Eindruck, dass es ihm ganz recht ist, üble Gase in eine Welt abzusondern, von der er so eine schlechte Meinung hat.

Auf diese Weise wird der Text zu einer Weltstadtgeschichte, die Trends in der politischen und Alltagskultur karikiert, sicherlich auch die Corona-Jahre mit ihren verschärften Hygienevorschriften und der Verlagerung ganzer Lebensbereiche ins Virtuelle. Von der Warte eines 85-jährigen Schriftstellers fällt der Blick nostalgisch, wehmütig aus, doch der Befund, wie frappierend sich die Generationen verändern und wie fremd sie dadurch einander werden, ist nicht aus der Zeit gefallen. Dass Vargas Llosa dabei ein privates Anliegen einflicht – sein Bedauern nämlich, seine Ehefrau wegen einer Affäre verlassen zu haben –, lenkt allerdings vom eigentlichen Thema ab.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert