Es läutete an der Tür, und als Doña Lukrezia öffnen ging, sah sie vor sich, im Türrahmen, vor dem Hintergrund der alten, verkrüppelten Olivenbäume des Olivar von San Isidro, den blondgelockten Kopf und die blauen Augen Fonchitos. Alles begann sich um sie herum zu drehen. […] „Mein Gott, mein Gott.“ Doña Lukrezia taumelte und ließ sich auf die neben der Tür stehende Bank in imitiertem Kolonialstil fallen. Weiß wie eine Landwand, hielt sie die Hand vor Augen.
Ein Anblick wie ein Ölgemälde (lockiger Jüngling vor Olivenhain, das Ganze gerahmt), eine Betrachterin, die selbst den Ausdruck einer Leinwand annimmt und sich auf ein stilisiertes Möbel fallen lässt – man könnte die Eingangszene einen Bilderbuchstart nennen, passend für einen Roman, der das Lob der Stiefmutter, diese bildreiche Liebesgeschichte, fortzuführen verspricht. Doch eine einfache Fortsetzung sind Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto nicht, eher ein Gegenstück: Wurden im Lob der Stiefmutter Malereien in Bettspiele zweier Liebenden übersetzt, kurz Kunstwerke in Erotik, so entwickelt Rigoberto nun Fantasien über sexuelle, meist fetischistische Spiele jenseits romantischer Liebe, um Parallelen bei Dichtungen und Musikstücken zu finden – Erotik wird somit künstlich und kunstvoll. Die Liste der Paraphilien ist lang: ein Vorspiel mit Katzen und Honig, Voyeurismus beim Partnerwechsel, Urinieren, Transvestitentum, lesbischer Sex, Fußfetischismus, Vergewaltigung, die Kopulation zweier Spinnen oder auch eine (weitgehend) asexuelle Lustreise.
Alfonso-Fonchito, dessen Liebesbegehren Lukrezia und Rigoberto im Vorgängerroman entzweit hat, strebt nun nach Künstlertum – er will Maler werden und identifiziert sich mit dem Wiener Impressionisten Egon Schiele – und danach, die beiden zu vereinen. Hiervon handelt jeweils der erste Teil der neun Kapitel. Im zweiten Teil schließen Rigobertos Fetischfantasien an, bevor Ausführungen von ihm über weltanschauliche Themen folgen und kurze Liebesbriefe nebst Aktzeichnung, die an Lukrezia oder Rigoborto gerichtet scheinen, die Kapitel abschließen. Das Buch ist also relativ handlungsarm mit hohem Anteil theoretischer Betrachtungen, zumal auch im ersten Teil Diskussionen über Egon Schiele viel Raum einnehmen, und ähnelt insofern dem Geschichtenerzähler, bei dem eine dünne Haupthandlung von Reflexionen und exotischen Fantasiegebilden überlagert wird. Beide Werke enden wie ein Aufsatz mit Orts- und Datumsangabe.
Rigobertos weltanschauliche Texte erinnern in vielen Punkten an die liberalen, anti-kollektivistischen Positionen von Vargas Llosa selbst. Sie werden allerdings apodiktisch und mit einem ins Inhumane gehenden1 Furor vorgetragen, die dem Autor zuwider sein müsste. Den Fanatiker, den Vargas Llosa seit den 70er Jahren in seinem Werk immer wieder scheitern ließ, bezieht er insofern auf sich selbst, womit er sich ironisiert. Die Texte sind Briefe, deren Adressaten Rigoberto (meist) verunglimpft, die er aber – deren Unverständnis antezipierend – nicht abschickt. Rigobertos Aufzeichnungen sind also auch in dieser Hinsicht „geheim“ und sie sind ein halber Briefroman. Zur selben Zeit wie diesen Roman veröffentlicht Vargas Llosa Briefe an einen jungen Schriftsteller (Cartas a un joven novelista) in einem ganz anderen Ton: gerichtet an einen „lieben Freund“, beendet mit herzlichen Grüßen. Diese Handreichung für kreatives Schreiben beginnt mit der Einsicht, dass der Schriftsteller seine Obsessionen, „seine eigenen Dämonen anerkennen und ihnen nach Kräften dienen“ muss2 und dass literarische Berufung „kein raffiniertes Spiel, das man in seiner Freizeit betreibt“, ist, sondern, dass sie „ausschließliche Hingabe“ erfordert.3 Rigoberto erfüllt Ersteres – er ist sich seiner Lüste bewusst –, aber Letzteres nicht, denn er lebt sie nur am Feierabend und in der Nacht aus. Er ist insofern eine halber oder steckengebliebener Künstler.
Auch sein Sohn Fonchito schreibt Briefe. Fingierte Liebesbriefe, die bewirken, das Rigoberto und Lukrezia wieder zueinander finden. Sie sind also in inhaltlicher wie zwischenmenschlicher Hinsicht das Gegenteil von Rigobertos Tiraden, die niemanden erreichen. Gemeinsam ist Vater und Sohn, dass sie sich ihrer Passion bewusst sind. Fonchito will Maler werden und tritt auch auf diesem Feld nach außen, wenn er mit Lukretia über sein Idol Schiele spricht und Posen in dessen Bildern nachstellen lässt. Seine Identifikation mit dem Meister ist so groß, dass er sich einbildet, so wie dieser selbst zu sein. Bei ihm verschwimmen weniger als im Vorgängerroman Tugend und Sünde als vielmehr Wirklichkeit und Imagination, Wahrheit und Lüge4: Er könnte ein erfolgreicher Künstler werden.
War das Lob der Stiefmutter ein erotischer Roman mit erkennbaren Parallelen zur adoleszenten Partnerwahl des Autors, so ist dessen Fortsetzung eher ein hinter libidinösen Fantasien versteckter Künstlerroman, in welchem Vargas Llosa seine Überzeugungen vom Schriftstellertum einbringt.
- Etwa im ersten Kapitel S. 21 ↩︎
- MVLL: Briefe an einen jungen Schriftsteller, S. 26. ↩︎
- Ebenda S. 16. ↩︎
- An einer Stelle steigert er sich zu einer doppelten Lüge, wenn er Lukrezia erzählt, seinem Vater erzählt zu haben, sie wäre Arm in Arm mit einem anderen Herren unterwegs gewesen (S. 196). Wenn er vor Lukrezia seine identifikatorische Fantasien über Schiele ausbreitet, entfacht er auch ihre Einbildung so sehr, dass sie vor ihrem inneren Auge den Künstler als Kind mit Eisenbahnen spielen sieht und diese Vorstellung als Argument verwendet: Fonchito sei Schiele überhaupt nicht ähnlich, denn er habe gerne mit Flugzeugen, nicht mit Eisenbahnen gespielt. (S. 146). ↩︎