Nach der Überwindung von Terrorismus und Kriegszuständen, nach der Abdankung des Putschisten Fujimori erlebte Peru eine längere Phase stabiler Demokratie und wirtschaftlicher Prosperität. „Dem Land geht es gut“, heißt es an einer Stelle in dem Roman (S. 244), den Vargas Llosa in Angriff nimmt, nachdem er 2010 den Literaturnobelpreis erhalten hat – eine späte Krönung des weltbekannten Autors. Es ist eine vergleichsweise glückliche Zeit also, und dementsprechend fällt auch das Buch Ein diskreter Held aus. Die Wirtschaftsblüte spiegelt sich hier in zwei Unternehmern: Felicito, einem aus armen Verhältnissen stammenden Gründer einer Spedition in Piura, und Ismael, dem Chef einer Versicherung, die dessen Vater in Lima aufgebaut hat. Beide leiden unter ihren habgierigen Söhnen, doch ist das Ganze in mildes Licht getaucht, stellenweise heiter erzählt wie Tante Julia und der Kunstschreiber, in jedem Falle weit entfernt von dem Grauen, das der Autor während der 80er und 90er Jahre in Tod in den Anden oder Maytas Geheimnis seinem Heimatland zuschreibt.

Gefällig wird die Lektüre auch dadurch, dass man alten Bekannten wiederbegegnet: dem Polizisten Lituma, der schon in Vargas Llosas Frühwerk aufgetreten war, sowie der Kleinfamilie des Schöngeists und Erotikers Don Rigoberto, die der Leser seit Lob der Stiefmutter kennt. Auch erzähltechnisch greift Vargas Llosa auf bewährte Mittel zurück. Die beiden Unternehmergeschichten bilden zwei Handlungsstränge, die kapitelweise alternieren und aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten miteinander korrespondieren (Dualismus und kommunizierende Röhren). Ihr Zusammenhang wird zunächst nur angedeutet und offenbart sich erst später, nach einem Cliffhanger am Ende des 25. Kapitels (aufgeschobene Information).1 In den Figurendialogen sind andere Zwiegespräche eingeschaltet (Teleskopdialoge), der Roman beginnt in medias res mit einem Erpresserbrief, erzählt wird anschaulich. Metaliterarische Ironie ist auch dabei, wenn Rigoberto sinniert, dass die Geschichte, in die er verwickelt ist, nicht gerade zu den Meisterwerken gehöre; sie habe „mehr etwas von den Seifenopern aus Venezuela, Brasilien, Kolumbien und Mexiko als von Cervantes und Tolstoi. Aber eine ordentliche Prise Alexandre Dumas, Émile Zola, Dickens oder Pérez Galdós war schon dabei“ (S. 283). 2

Ja, der Roman ist leichte Kost, fast ein Unterhaltungsstück, und trotzdem kann man dabei tiefsinnig werden. Der Spediteur Felicito, auf den der Titel Ein diskreter Held gemünzt sein dürfte, stellt ein ethisches Vorbild dar: ein fleißiger Mensch mit Zivilcourage und Prinzipien, der von seinem Vater gelernt hat, sich „nicht herumschubsen“, sich nicht korrumpieren zu lassen. Dass er dem überführten Erpresser, für den er selbst als Vater galt, aberkennt, sein Sohn zu sein (was biologisch stimmen mag), von diesem verlangt, den Familiennamen abzulegen und den Ort für immer zu verlassen, erscheint geradlinig und moralisch angemessen. Doch ist es nicht auch kalt oder „grausam“ (S. 350), wie der Menschenversteher Lituma sagt? Vargas Llosa, dessen Liberalismus auf verantwortungsvolle Persönlichkeiten wie Felicito baut, schlägt zumindest an dieser Stelle eine andere Saite an. Als Leser stellt man sich die Frage, wann und inwieweit Vergebung oder Gnade ethische Grundsätze mildern sollten. Dass bei dem „bis in die Haarspitzen moralischen“ Helden (S. 307) etwas zu kurz kommt, wird noch unterstrichen, wenn er den Schluss zieht, „nie wieder mit einer Frau zu schlafen“ (S. 356).

Eine neue Dimension

Die andere offene Frage dieses Romans, und hier betritt der Realist und Agnostiker Vargas Llosa Neuland in seinem Alterswerk, ist die des Glaubens und der Übersinnlichkeit. Rigobertos Sohn berichtet wiederholt, einem melancholischen und vielwissenden Herrn begegnet zu sein; bis zuletzt bleibt unklar, ob sich das wirklich so zugetragen hat, ob es Halluzinationen sind oder ob sich der Junge einen Spaß damit erlaubt. Der bibliophile Vater assoziiert das zunächst mit einer Teufelserscheinung wie in Thomas Manns Doktor Faustus; nach mehreren Versuche dem Phänomen auf die Spur zu kommen, muss er sich mit der Unergründlichkeit abfinden: „Er liebte seien Sohn sehr, aber sosehr er sich bemühte, er würde ihn nie verstehen […] War dies das Leben? Ein Labyrinth, das einen, egal was man machte, unausweichlich in die Fänge des Minotaurus trieb?“ (S. 326).3 In die materiell und kulturell reich ausgestattete Welt des Geschäftsmanns und Bildungsbürgers Rigoberto (Agnostiker auch er) schleicht sich etwas Jenseitiges, an das man glauben kann oder auch nicht. Der Autor, so scheint es, weiß hierauf keine Antwort, aber die Handlung gewinnt eine Dimension, die es im Gesamtwerk Vargas Llosas noch nicht gab.4 Im 24. Kapitel vermischen sich Rigobertos Gedanken an die surrealen Erlebnisse seines Sohnes mit jenen an „vertrackte Finanzgeschäfte“ seines Freundes Ismael, mit Kunstgenuss und erotischen Fantasien. Hier erreicht der Roman eine Vielschichtigkeit, eine Ballung unterschiedlichster Bedeutungen, wie sie die früheren Werke auszeichnet. Verstärkt wird dies, indem die Passage mit der Nachricht vom plötzlichen Tod Ismaels endet (S. 245 ff.).

Vergleichsweise blass bleibt Lukrezia, Rigobertos Ehefrau; sie spielt anders als im Lob der Stiefmutter und in den Geheimen Aufzeichnungen nur eine Nebenrolle. Dasselbe gilt für Gertrudis, Felicitos Gattin. Aus seiner Perspektive erscheint sie zunächst apathisch und zurückgezogen, bevor aus dem Gespräch mit ihrem Ehemann hervorgeht, dass hinter ihrem Auftreten nicht resignative Schwäche, sondern vielmehr Demut und Festigkeit stehen. Sie erträgt ihr Schicksal als in jungen Jahren zur Prostitution Gezwungene, ohne zu klagen, und erinnert damit an andere bescheidene wie zähe Frauengestalten bei Vargas Llosa, wie Jurema in Der Krieg am Ende der Welt, die alle Übel und Ungerechtigkeiten an sich abtropfen lassen und überleben. Zum Schluss begegnet sie uns als lebhafte Person auf der Reise zu ihrer Schwester in Europa, der es ebenfalls gelungen ist, dem kümmerlichen Leben zu entrinnen. Ein teilweise konstruiert wirkendes Happy End, das dem Optimismus des liberalen Autors entspricht.

Daneben enthält die Geschichte kulturpessimistische Momente. Rigoberto, Vargas Llosas Alter Ego in Geschmacksfragen, bemängelt den „affigen Stummeljargon“ der jungen Generation, die sich „an den Wochenenden betrank, kiffte und kokste oder in den Diskotheken des Badeorts Asia Ecstasy-Pillen schluckte“ (S. 201). Ismaels Söhne sind solcherart, und hier wird der Ton sarkastisch: „Wer wohl der Dümmere von beiden ist, dachte Rigoberto“ beim ersten Auftreten der beiden. Auf die Frage des einen, ob Rigoberto alle Bücher in seiner Hausbibliothek gelesen habe, antwortet dieser: „Na ja, alle nicht, noch nicht […] Aber ich möchte behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, ein Buch zu lesen, wenn man es zu Hause hat.“ (S. 151). Der Verfall der Lesekultur ist ein Thema, das Vargas Llosa etwa zur selben Zeit in seiner Streitschrift Alles Boulevard ausführt.

Ein anderes Thema, das für den Autor virulent wird, ist sehr viel persönlicher. Der betagte Versicherungsmanager Ismael, der seine Hausangestellte heiratet, auch um seinen Erbschleichern eins auszuwischen, blüht auf. „Mit achtzig Jahren hatte er entdeckt, dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand, man konnte auch verrückte Dinge tun. Mal ausflippen, die Freuden des Sex und der Rache genießen“, denkt sich Rigoberto dabei (S. 197). Als Vargas Llosa das schrieb, ging er selbst auf die 80 zu. Die Parallele zwischen Figur und Autor besteht zwar nur ansatzweise, doch sie ist bemerkenswert: Zwei Jahre nach Erscheinen des Romans trennt sich der Schriftsteller von seiner Ehefrau, um mit dem jüngeren Ex-Model Isabel Preysler zusammenzuleben.

  1. Relativ früh wird erwähnt, dass Gertrudis’ Schwägerin als Dienstmädchen nach Lima gezogen ist und Armida heißt – genauso wie die Hausangestellte, die der Geschäftsmann Ismael ehelicht. ↩︎
  2. In dem Buch steckt noch mehr Selbstironie. Beispielsweise die Erwähnung eines „Schriftsachverständigen“, der wegen einer Hämorrhoidenoperation beurlaubt ist (S. 152), womit Vargas Llosa auf einen entsprechenden Eingriff bei sich selbst mit Mitte 30 anspielt. ↩︎
  3. Für den Rezensenten Eberhard Falcke taugt das Bild vom Leben als Labyrinth „als Gleichnis für ein Erzählen, das die Unübersichtlichkeit der Welt beherzt ins Auge fasst“. Dies unterstreiche Vargas Llosa durch die Auswahl des dem Roman vorangestellten Mottos, entliehen von Jorge Luis Borges: „Unsere schöne Aufgabe ist es, uns vorzustellen, dass es ein Labyrinth gibt und einen Faden.“ ↩︎
  4. Im Roman wird dies selbst ausgesprochen. Die Teufelsszene bei Thomas Mann sei ein „Krater, die Episode der größten Verdichtung von Erlebnissen, die die ganze Geschichte in ihrem Wesen verändert, indem sie in eine realistische Welt eine übernatürliche Dimension einfügt“ (S. 68). Das wiederum entspricht dem „qualitativen Sprung“, den Vargas Llosa schon in jungen Jahren als ein Mittel des literarischen Erzählens betont hat. Wenn Rigoberto das entsprechende Kapitel im Doktor Faustus mit Ausrufezeichen versehen hat und wieder hervorholt, tut er es Vargas Llosa gleich, den die Gestaltung Teufelserscheinung bei Thomas Mann als eine Meisterleistung beeindruckt, wie er in einem Interview sagt (hier ab Minute 38). Ohnehin dürften die im Romanverlauf erwähnten Lieblingsstücke Rigobertos aus dem Reich der Musik, Malerei und Literatur eine Liste ästhetischer Geheimtipps des Autors ergeben., ↩︎