Die früheren Romane sind ernst, bitter sogar, wenn man an Die Kathedrale denkt, dann heitern die Episoden in Tante Julia oder im Lob der Stiefmutter die Prosa auf, bevor sich im Spätwerk die Trauer einschleicht: ein melancholischer Rückblick in Das böse Mädchen, ein weinender alter Mann im Diskreten Helden, den Kulturverfall bedauernde Protagonisten in den Erzählungen Die Enthüllung und Die Winde. „Traurig sind wir Peruaner im Grunde alle“, heißt es in dem Buch, das Vargas Llosa darauf folgen lässt und das den Schlussstein seines Schaffens bildet. Es ist der Versuch, die peruanische Seele, das, was die Landsleute verbindet, zu ergründen. Da ist das Erbe der Inka, die unterworfene Völker deportieren und in die Einsamkeit schickten, worauf die „peruanische Traurigkeit, ein Merkmal, das fast allen Peruanern eigen ist“, womöglich zurückgeht (S. 239). Da ist aber auch die kreolische Musik, besonders der peruanische Walzer, der Klassengrenzen überbrückt und in dessen Entstehungszeit volkstümlich-romantische Umzüge zur gelben Blume, der Amancaes, vor den Toren Limas gebräuchlich waren. Mit diesen Tanzliedern verbindet sich zugleich die Huachafería, die oft mit Kitsch übersetzt wird, aber darüber hinausgeht: „eine Art, die Welt auf eine andere Weise zu verstehen, als man es sonst kannte, naiver, zärtlicher, weniger kultiviert, dafür intuitiver und typisch für jede soziale Schicht“ (79). Beides, der kreolische Walzer und die Huachafería, sind „die großen Beiträge Perus zur Weltkultur“ (65).

Diese Vermessungen der peruanischen Mentalität und Volkstümlichkeit nimmt die Hauptfigur Toño Azpilcueta vor, indem sie eine Biografie des Gitarristen Lalo Molfino verfasst, nachdem sie diesen bei einem Hauskonzert in Limas Altstadt einmal erlebt hat und überwältigt ist. Jedes zweite Romankapitel scheint den essayistischen Teilen dieser Biografie zu entsprechen. In den übrigen Kapiteln werden Toños Recherchen, sein Schreiben und Umschreiben sowie sein Auftreten als Autor mit seinem Privatleben verflochten: mit seiner Rattenphobie, seiner heimlichen Liebe zu einer befreundeten Sängerin, seiner Zweckehe und dem Halt, den er bei zwei befreundeten Ehepaaren findet. Was die Phobie angeht, aber auch den landesweiten Erfolg seines Buchs, den er zunichtezumachen droht, indem er den Text von Auflage zu Auflage durch Ergänzungen unverdaulicher macht, ähnelt Toño der Romanfigur Pedro Camacho, dem Hörbuchautor in Tante Julia und der Schreibkünstler.

In Toño spiegelt sich aber auch Vargas Llosa selbst – angefangen bei seiner Abscheu vor Ratten. Toños Ausführungen über die Huachafería und ihr sprachliches Merkmal, die Verwendung von Diminutiven (wodurch der Ausdruck zierlicher, jedoch zugleich monotoner wird), stimmen fast wörtlich mit einem Aufsatz überein, den Vargas Llosa schon Anfang der 1980er-Jahre schrieb. Wenn Toño verschiedene Titel und Einstiegszenen für sein Buch erwägt und wieder verwirft, macht er es ebenso wie Vargas Llosa bei seiner schriftstellerischen Arbeit. Und wenn er seinen Text zum einen so beurteilt: „Ja, die Prosa floss dahin, ohne Unterbrechungen, in einem schönen Rhythmus, mit vielen Details auch eindringend in die Ecken und Winkel von Chiclayo, so bunt, so duftend. Er erzählte von dem abendlichen Auftritt in Bajo el Puente, von den unvergesslichen Lackschuhen, die Lalo Molfinos Füße zierten. Das alles war wirklich gut, sehr gut.“ (S. 269), dann erinnert das an Vargas Llosas Stärke, mit seiner Literatur die Sinne anzusprechen. Allein schon, wie er in diesem Roman das Musikerlebnis sprachlich gestaltet: „[…] alles um ihn herum erlosch, bis es nur noch die Gitarre gab, die der Junge – denn der dort spielte, war noch sehr jung – zum Seufzen brachte, zum Weinen, zum Auf- und Abschwellen […] Die Stille legte sich über das Grün der Patios, über das ganze große Haus. Eine Stille der Stierkampftage, dachte Toño Azpilcueta, eine Stille, die nur durchbrochen wurde vom Klang der Saiten […] Ihm war, als würde die Musik auf ihn übergreifen, in ihn eindringen und mit dem Blut durch seine Adern strömen.“ (S. 31–33)

Toño gesteht sich aber auch ein, dass es in seinem Buch „noch lose Fäden, auch große Sprünge und Lücken“ gibt (S. 268). Das ließe sich auch über Vargas Llosas letzten Roman sagen: Ihm fehlen innere Geschlossenheit und ein überzeugender Spannungsbogen. Manche Dialoge wirken frappierend künstlich, und die Handlung bricht an einem belanglosen Punkt ab. Der Autor kündigt im Epilog an, keinen weiteren Roman mehr zu schreiben. Er spürt, wie seine mentalen Kräfte schwinden; Journalisten bekennt er, dass sein Gedächtnis nachlässt. Das Buch widmet er seiner Ehefrau Patricia, zu der er zurückgekehrt ist, nachdem er sieben Jahre mit einer anderen Dame zusammengelebt hat. Der spanische Titel Le dedico mi silencio ist doppeldeutig: „Ihr widme ich mein Schweigen“ – oder: „Ihnen widme ich mein Schweigen.“ Bezogen auf Patricia könnte man das als Anspielung auf die Trennung verstehen. Paradox bliebe eine solche Zueignung dennoch. Im Buch selbst wird über dieselben Worte, die der verschwiegene Molfino der von ihm verehrten Sängerin Cecilia sagt, gerätselt. Ein loser Faden am Ende des Lebens.

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Recherchereise Vargas Llosas an den Geburtsort Molfinos

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