Das Schmähwort „Bananenrepublik“ kommt daher, dass im frühen 20. Jahrhundert Konzerne wie die United Fruit Company in Ländern Mittelamerikas nicht nur den Anbau und Export von Bananen dominierten, sondern darüber hinaus einen staatsähnlichen Einfluss hatten. So auch in Guatemala. Das Land erlebte von 1944 bis 1954 eine demokratische Phase unter den Präsidenten Juan José Arévalo und Jacobo Arbenz, bevor sich Carlos Castillo Armas mit Unterstützung der CIA an die Macht putschte. Der US-Geheimdienst betrieb den Umsturz, weil Arbenz’ Landreform den Interessen von United Fruit zuwiderlief und es dem Unternehmen durch eine PR-Kampagne gelungen war, in der amerikanischen Öffentlichkeit und der damaligen Eisenhower-Regierung die Ansicht zu verbreiten, Arbenz sei ein Kommunist. Der Fall ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Mischung aus weltanschaulicher Hysterie (der Angst vor der Ausbreitung des Kommunismus), Lügen (heute würde man Fake News sagen) und Wirtschaftsinteressen zu einer Interventionspolitik führt, mit der die Vereinigten Staaten – entgegen ihren eigenen Werten – die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Lateinamerika hintertrieben. Mit der Unterstützung Pinochets in Chile sollte sich dieser Fehler wiederholen.

Der Staatsstreich in Guatemala weist nach Ansicht von Vargas Llosa weit über das Land hinaus, als eine Art Präzedenzfall für Guerillakriege und Militärdiktaturen in ganz Lateinamerika, wodurch dort „die demokratische Option für ein weiteres halbes Jahrhundert aufs Abstellgleis geriet“ (HZ 409). Weil sein Heimatland etwa zur selben Zeit wie Guatemala in eine Diktatur stürzte und dies zugleich die Jahre waren, in denen er sich als Jugendlicher politisierte, dürfte der peruanische Schriftsteller einen Grund mehr gehabt haben, dem Fall Guatemala am Ende seines Lebens noch einen Roman zu widmen. Eine weitere Verbindung besteht darin, dass der dominikanische Diktator Trujillo, dessen grausam-groteske Herrschaft Vargas Llosa bereits in Das Fest des Ziegenbocks porträtiert hatte, in die Vorgänge involviert ist: Er unterstützt den Putschisten Castillo, um ihn drei Jahre später durch seinen Geheimdienstchef Abbes García ermorden zu lassen.

Dreh- und Angelpunkt der Romanhandlung ist dieser Mord. Wie ihn Abbes García zusammen mit Enrique Trinidad Oliva, dem Chef der Staatssicherheit in Guatemala, plant und durchführt und wohin es die beiden danach verschlägt, davon handeln die geraden Kapitel der insgesamt 32 Buchkapitel. Diese immer nur wenige Seiten umfassenden Passagen bilden die spannungs- und actionreiche Romangegenwart. Die ungeraden Kapitel sind deutlich länger und drehen sich um andere Beteiligte, etwa Präsident Arbenz, Castillos Geliebte Martita, Castillo selbst oder den amerikanischen Botschafter Peurifoy. Überwiegend dienen sie dazu, die Vorgeschichten zu liefern, insbesondere die Invasion zum Sturz von Arbenz, sei es in Form eines Erzählerberichts oder der Erinnerungen einer Figur, etwa in einem inneren Monolog. Der Text bekommt hierbei Geschichtsbuchcharakter und mutet dem Leser viele Sachinformationen in geraffter Form zu. In der zweiten Hälfte des Buchs wird in diesen Kapiteln aber auch der Tag des Attentats aus der Sicht von Castillo und Martita erzählt, sodass dieses Hauptereignis von mehreren Seiten beleuchtet wird, ebenso wie Martitas Flucht und ihr weiteres Leben in der Dominikanischen Republik unter Trujillo.

Mehrfache Perspektiven und das regelmäßige Alternieren der Kapitel sind bekannte Erzählwerkzeuge Vargas Llosas, ebenso die Verschränkung von Dialogen, die er selektiv und besonders wirkungsvoll im siebten Kapitel einsetzt: In Trujillos Unterredung mit Castillo, in der er diesem Waffen, Geld usw. für den Staatsstreich verspricht, ist das drei Jahre später stattfindende Gespräch mit Abbes García einmontiert, in dem Trujillo die Ermordung Castillos in Auftrag gibt. Hier stolpert man beim Lesen, weil man kaum umhinkommt, die Redeanteile falsch zuzuordnen, womit die Austauschbarkeit und Sinnleere im Wirken des Diktators fühlbar wird. Die Entleerung politischer Bedeutungen ist ohnehin ein Merkmal der Kampagne des Bananenkonzerns und der von ihr beeinflussten US-Politik: Sie besteht in dem aberwitzigen Vorwurf, Guatemala werde von Kommunisten regiert und sei ein Satellitenstaat der Sowjetunion, obwohl das Land keinerlei Beziehungen zur Sowjetunion hat und Präsident Arbenz ein Demokrat ist. Allerdings kommen die Protagonisten des angeblich antikommunistischen Kampfes gewaltsam um: So wie Castillo fällt auch Trujillo einem Attentat zum Opfer (was in diesem Buch nur erwähnt und in Das Fest des Ziegenbocks erzählt wird), Enrique Trinidad stirbt durch eine Autobombe, Peurifoy wird totgefahren und Abbes von einer Todesschwadron niedergemetzelt. Der Typus des scheiternden Fanatikers, wie er im Werk Vargas Llosas seit 1970 wiederholt eine Rolle spielt, erhält hier eine neue Spielart: Die nihilistischen Machtmenschen werden zu Nichts.

Nur Martita überlebt. Sie gehört damit in die Reihe von unverwüstlichen Frauen, die Vargas Llosa in seinen Werken gestaltet, wie „das böse Mädchen“ im gleichnamigen Roman oder Selvática in Das Grüne Haus. Dass sie als Geliebte von Castillo nach dessen Ermordung zur Gespielin des Mörders wird, erscheint allerdings wie ein Zerrspiegelbild der politischen Austauschbarkeit. Ähnlich wie Urania in Das Fest des Ziegenbocks bildet sie eine Klammer um die Geschichte. Von ihrer Geburt handelt das zweite Kapitel, und in einer Art Epilog wird erzählt, wie Vargas Llosa sie in ihrem Alterssitz nahe Washington besucht, womit wiederum ein metaliterarischer Schritt vollzogen wird, bei dem ungewiss bleibt, ob dieser Besuch als Recherche des Autors wirklich stattgefunden hat oder nur fingiert ist.

Obgleich der Roman also die ganze Breite von Vargas Llosas narrativer Klaviatur enthält,1 erzeugt er nicht dieselbe Lebendigkeit wie das thematisch ähnlich gelagerte Fest des Ziegenbocks. Das liegt zuvörderst an den erwähnten sachbuchartigen Anteilen. Aber auch dort, wo die Darstellung konkret und dicht an den agierenden Figuren ist, werden diese nicht so plastisch. Man kann das gut mit dem früheren Trujillo-Roman vergleichen, weil es zwei Szenen gibt, die in beiden Büchern dieselben historischen Vorlagen haben: die morgendliche Konferenz zwischen Trujillo und seinem Geheimdienstchef Abbes und das Treffen, auf dem der dominikanische Präsident Balaguer Abbes degradiert. Bei Trujillo werden im neuen Roman die inneren körperlichen wie gedanklichen Vorgänge kaum ausgebreitet; im Fall von Balaguer ist der Eindruck schwächer, weil dieser nur ein einziges Mal in dem Buch vorkommt. Harte Jahre enthält so viel Stoff, dass die Einzelheiten schmal ausfallen. Der Roman ist insofern vor allem politisch bedeutend und erzähltechnisch ein Kraftakt.

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  1. Neben den genannten Mitteln wäre das der aufgeschobenen Information zu nennen. ↩︎

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