Kann ein Aufklärer wider die Versklavung zum nationalistischen Eiferer werden? Roger Casement machte als britischer Diplomat die Greuel öffentlich, die Europäer um 1900 bei der Kautschukgewinnung im Kongo und im Amazonasgebiet an der einheimischen Bevölkerung begingen oder zu verantworten hatten, bevor er sich dafür einsetzte, dass seine Heimat Irland mit Waffengewalt bzw. mit Hilfe des Deutschen Kaiserreichs von Großbritannien unabhängig wird. In Casement kann man eine Figur erblicken, die Mario Vargas Llosa in mehreren seiner Romane schon beschäftigte: einen Fanatiker, dessen selbstloses und „reines“ Streben dialektisch umschlägt und der daher scheitert. Der unter anderem in Iquitos wirkende Ire dürfte für den peruanischen Schriftsteller zudem aus ähnlichen Gründen interessant gewesen sein, wie es die Französin und zeitweise in Arequipa lebende Frühsozialistin Flora Tristan war, deren Werdegang er in seinem Roman Das Paradies ist anderswo nachzeichnete.
Wie dieses Werk ist Der Traum des Kelten ein biografischer Roman oder gar eine romanhafte Biografie. Zum Gutteil liest sich der Text sachbuchartig und reportagehaft, obwohl er auf der Makro- wie auf der Mikroebene erzählerische Kunstgriffe aufweist. So wechseln die Schilderungen von Casements Wirken in Britannien, Afrika, Lateinamerika und Deutschland mit jenen seiner Tage im Gefängnis vor der Hinrichtung (wie es Vargas Llosas Vorliebe für duale Darstellungen entspricht), wobei auch innerhalb dieser Einheiten die Chronologie durch Rückblenden und Vorgriffe durchbrochen wird und sich die Kapitel quasi wie konzentrische Wellen ausweiten.1 Im Kleinen finden sich trotz des sachlichen Stils Momente literarischer Intensität: Casements Tod am Galgen, seine halb realen, halb imaginierten homosexuellen Begegnungen abseits seines offiziellen Auftretens, die Beschreibung von Naturschönheit im Kontrast zur menschlichen Grausamkeit und deren dramatische, drastische Thematisierung, beispielsweise wenn ein belgischer Hauptmann im Kongo Casement scheibchenweise den Grund dafür eröffnet, weshalb so viele Eingeborene verstümmelt sind (S. 54 f.) – eine Steigerung des Grauens, die an Situationen in Vargas Llosas Roman Tod in den Anden erinnert. Oder wenn im peruanischen Urwald das Kautschuk-Unternehmen Indios wie Vieh brandmarken lässt (S. 212), dann schockiert den Leser dieser Animalismus wie in Vargas Llosas Krieg am Ende der Welt.
Die literarischen Elemente reichen aber nicht hin, die Entwicklung der Hauptfigur fühlbar oder innerlich verständlich zu machen. Neben Redundanzen im Text ist dies der Hauptkritikpunkt von Rezensenten.2 Den Wandel Casements vom Abgesandten des britischen Außenministeriums, der für seine humanitären Verdienste zum Ritter geschlagen werden soll, zum Feind Britanniens kann das Buch nur ansatzweise erhellen, wenn es beschreibt, wie er die Unterjochung im Kongo oder Amazonasgebiet mit der seiner Landsleute vergleicht. So besteht die Leistung dieses Romans weniger im Psychologischen als im Dokumentarischen: Er rückt ein weithin vergessenes Kapitel der Menschheitsverbrechen ins historische Bewusstsein.
- Vgl. Sabine Köhlmann: A companion to Mario Vargas Llosa. S. 262 ↩︎
- So etwa Oliver Pohlmann: „Das Hin und Her zwischen Nahperspektive im Gefängnis mit pathetischen Dialogen und konventionell-biografischen Vogelschauen auf Casements Reisen führt zu ärgerlichen inhaltlichen Wiederholungen. […] Problematischer ist, dass sich Mario Vargas Llosa, in seinem Frühwerk ein Meister der Vielstimmigkeit, ganz auf den Tunnelblick seines Protagonisten verlässt. Das funktioniert im behutsamen Umgang mit der in Hafenkneipen und Tagebüchern ausgelebten Homosexualität Casements, nicht aber bei dessen sich radikalisierendem Nationalismus, der ihn zu Beginn des Ersten Weltkriegs zur bizarren Idee eines Bündnisses der irischen Unabhängigkeitsbewegung mit dem Deutschen Reich führte. Warum ihn die irischen Kriegsgefangenen, die er nach 1914 in Deutschland für eine Freiwilligenbrigade werben wollte, als Verräter auspfiffen, bleibt nicht nur Casement bis zu seiner Hinrichtung unerklärlich, sondern aufgrund der dominanten Binnenperspektive vermutlich fatalerweise auch vielen Lesern.“ ↩︎