Die Originalfassung erschien am 1. Oktober 2021 unter dem Titel Los vientos in Letras Libres, Madrid.

Ich ging zur Demonstration gegen die Schließung der Ideal-Kinos auf der Plaza de Jacinto Benavente, und kaum hatte sie begonnen, überkam mich einer dieser unschicklichen Winde, die mich mittlerweile häufig heimsuchen. Aber niemand in meiner Umgebung bemerkte etwas davon. Ich bereute, hingegangen zu sein, denn wir waren nur eine Handvoll Leute, und fast alle waren menschliche Wracks wie ich. Kein junger Madrilene kümmert sich darum, dass die letzten Kinos in Madrid verschwinden; sie haben dort nie einen Fuß hineingesetzt, sie hatten sich schon als Kinder daran gewöhnt, die Filme, die sie sich aussuchten – wenn man diese Bilder, die die neuen Generationen unterhalten, überhaupt Filme nennen kann –, auf den Bildschirmen ihrer Computer, Tablets und Handys anzuschauen.
Osorio, der sich als Optimist gibt, sagt, jetzt, da die Kinos verschwunden sind, müsse ich mich daran gewöhnen, Filme auf kleinen Bildschirmen anzuschauen. Aber das werde ich nicht tun; auch darin werde ich meinen alten Vorlieben treu bleiben. Ich habe zu lange gelebt, als dass es mich stören würde, wenn man mich als Fossil, Maschinenstürmer oder – wie Osorio mich angewidert nennt – als „unverbesserlichen Konservativen“ bezeichnet. Das bin ich und werde es bleiben, solange der Körper mitmacht (ich glaube übrigens nicht, dass das noch lange so sein wird). Na ja, wieder ein Windstoß; aber niemand hat es bemerkt, wenn man nach der Gleichgültigkeit in den Gesichtern um mich herum urteilt.
Osorio muss wohl der letzte Freund sein, der mir noch geblieben ist. Wir rufen uns jeden Tag an, um zu sehen, ob wir noch am Leben sind. „Guten Morgen. Wie geht’s? Noch auf den Beinen?“ „Anscheinend ja, zumindest glaube ich das.“ „Sehen wir uns später auf einen kleinen Kaffee?“ „Oki doki.“ Ich weiß nicht, wann wir uns kennengelernt haben; nein, auf jeden Fall schon seit unserer Jugend. Dieser trübe Sumpf, der mein Gedächtnis ist, sagt mir, dass es erst etwa zwanzig oder dreißig Jahre her ist. Ich weiß, dass ich in meiner Jugend Journalist war; Osorio sagt, er habe Philosophie an Schulen unterrichtet, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob er Lehrer war, geschweige denn Philosophielehrer, denn er weiß sehr wenig über diese Themen. Zum Beispiel hat er nie Pascal gelesen, den ich sehr mag. Vielleicht hat er vergessen, was er im Leben war, und sein Gedächtnis ist genauso ruiniert wie meines; vielleicht versucht er, mich und sich selbst zu täuschen, indem er sich eine Vergangenheit ausdenkt. Das steht ihm übrigens voll und ganz zu. Unsere Abmachung lautet, uns jeden Morgen anzurufen, um zu erfahren, ob einer von uns beiden im Schlaf aus dem Leben geschieden ist, und dies den Behörden zu melden, damit man uns einäschert und wir gänzlich verschwinden.

„Die letzten Kinos wurden geschlossen, aber dafür hat eine neue Buchhandlung eröffnet“, munterte mich Osorio auf, als die traurige Abschiedsveranstaltung für die „Ideal“ zu Ende war. „Jetzt gibt es schon vier davon in Madrid. Da kannst du dich nicht beschweren. Vier Buchhandlungen! Mehr als in Paris und London, das versichere ich dir! Glaub mir! Ein wahrer Luxus!“
Wieder einmal eine Geschichte, die dem krankhaften Optimismus von Osorio entspringt. Was er „Buchhandlung“ nennt, ist eine dieser Scheinexistenzen, die uns umgeben, eines dieser Glühwürmchen, die in der Nacht aufleuchten und beinahe sogleich wieder erlöschen. Die angebliche Buchhandlung – gestern oder vorgestern haben wir sie uns angesehen – war die Bibliothek eines alten Mannes aus Malasaña, der seinen Bestand vor seinem Abgang in die andere Welt zum Verkauf angeboten hat: eine bunte Sammlung schlecht erhaltener Bücher, die die Handvoll Leute, die dort waren, als Osorio und ich hereinkamen, um einen Blick darauf zu werfen, durchblätterten und durchwühlten, bevor sie sie wieder in die staubigen Regale zurückstellten. Ich kaufte nur ein kleines Buch von Azorín, das ich noch nicht kannte, eine Sammlung von Artikeln über argentinische Literatur, hauptsächlich über den Martín Fierro, das mich nur ein paar Cent kostete. Und natürlich entging mir der Buchhandlung des alten Mannes ein Wind, den ich nicht verbergen konnte. Niemand schenkte dem Beachtung, außer Osorio natürlich, der mit einem seiner teuflischen Lächeln lächelte und für einen Moment verärgert die Nasenflügel zuckte.

Ich fand keinen dieser alten Novellen, die mir heute gefallen. Seit sich der Brauch, vom Computer generierte Romane zu lesen, allgemein durchgesetzt hat, habe ich darauf verzichtet, die zu lesen, die heutzutage produziert werden – es wäre lächerlich, von „schreiben“ zu sprechen. Als das System erfunden wurde, schien es nur ein weiterer Zeitvertreib zu sein, wie so viele, die jeden Tag auftauchen, und der so lange anhalten würde wie vorübergehende Moden. Wer hätte schon einen Roman ernst genommen, der von einem Computer nach den Anweisungen des Kunden hergestellt wurde: „Ich möchte eine Geschichte, die im 19. Jahrhundert spielt, mit Duellen, tragischen Liebesgeschichten, reichlich Sex, einem Zwerg, einem King-Charles-Cavalier-Hündchen und einem pädophilen Priester.“ So, als würde man einen Hamburger oder einen Hotdog bestellen, mit Senf und viel Tomatensoße. Doch der Trend hat sich durchgesetzt, ist geblieben, und nun lesen die Menschen – die wenigen, die überhaupt noch lesen – nur noch die Romane, die sie bei ihren Metall- oder Plastikskeletten in Auftrag geben. Man kann nicht mehr sagen, dass es Romanautoren gibt; besser gesagt: Wir alle sind zu Romanautoren geworden. Obwohl auch das falsch ist. Der einzige Romanautor, der auf diesem Planeten noch am Leben ist und sich abstrampelt, ist der Computer. Deshalb bleibt uns Lesern, die an der Tradition festhalten, am echten Roman, dem von Cervantes, Tolstoi, Virginia Woolf oder Faulkner, nichts anderes übrig, als die toten Romanautoren zu lesen und die Lebenden zu vergessen.
Diese Pseudobuchhandlung in Malasaña wird so lange bestehen, wie es dauert, bis der Trödel, der sich in ihren Regalen stapelt, verkauft ist – sofern nicht zuvor die Kampagne Erfolg hat, mit der gefordert wird, dass der Staat alle gedruckten Papiere jeglicher Art enteignet und verbrennt, um die angeblich gesundheitsschädlichen Bakterien zu vermeiden, mit denen uns die Aktivisten dieser abscheulichen Kampagne „Paper free society!“ uns schon seit geraumer Zeit in Augen und Ohren hämmern. Natürlich glaube ich ihnen kein Wort, auch wenn es so viele Wissenschaftler gibt – darunter sogar irgendein Nobelpreisträger –, die behaupten, nach zahlreichen Labortests nachgewiesen zu haben, dass die Kombination aus Papier und Druckertinte ebenso schädlich sei wie die aus Tabak und Papier, als es noch Zigaretten gab und diese Generationen von Rauchern an Kehlkopf- und Lungenkrebs töteten. Ich glaube, es handelt sich um eine weitere Modeerscheinung, eine Art Zeitvertreib für all die Müßiggänger, die da herumlungern. Ich fürchte, dass sie am Ende doch die Oberhand gewinnen werden und dass, genau wie in Singapur, der ersten papierfreien Stadt der Welt, auch Spanien und ganz Europa ihre Bücher, Bibliotheken sowie privaten und öffentlichen Zeitungsarchive verbrennen werden.
„Was geht es dich an, dass sie verbrannt werden“, sagt Osorio zu mir, der stets das verteidigt, was er für die politische Avantgarde unserer Zeit hält, „wenn all diese Bücher, Zeitschriften und Zeitungen doch bereits digitalisiert sind und man sie bequem und hygienisch auf den Bildschirmen zu Hause einsehen kann“. Zunächst einmal habe ich kein „Zuhause“, sondern nur ein winziges Zimmer mit eigenem Bad, und zweitens ist mein Computer fast so klein wie ein altes Buch. Sein Argument zieht für mich nicht. Außerdem glaube ich nicht, dass er selbst glaubt, was er mir sagt. Er tut es nur, um mich zu ärgern. Aber wenn es nicht so wäre, würden wir uns natürlich sehr langweilen.
Osorio behauptet, er habe keinerlei Nostalgie für jene längst vergangenen Jahre, in denen viele Menschen, so wie ich, zum Lesen in Bibliotheken gingen. Ich hingegen schon. Ich mochte die ruhige, fast klösterliche Atmosphäre der Nationalbibliothek am Paseo de Recoletos, die andächtige Stille in ihren Lesesälen, die heimliche Verbundenheit unter uns, die wir dort saßen, mit unseren Mappen, und im Schein der bläulichen Lampen lasen. Als die Spanische Nationalbibliothek ihre Türen schloss, gab es ebenfalls eine Demonstration, doch im Gegensatz zu der heutigen kamen damals tatsächlich ziemlich viele Menschen. Die Traurigkeit über das Verschwinden dieser Institution schien von allen Anwesenden geteilt zu werden, und ich könnte schwören, dass ich in den Augen einiger von ihnen Tränen sah. In Madrid verlief dieser Abschied friedlich. Nicht so in Paris, wo es am Tag der Schließung der Nationalbibliothek zu gewalttätigen Protesten kam, mit Bränden und, glaube ich, sogar Toten und Verletzten.
Es stimmt zwar, dass alles, was sich in jenem großen Herrenhaus in Recoletos befand, nun digitalisiert ist und auf jedem Bildschirm abgerufen werden kann. Aber für Menschen wie mich, die aus einer anderen Zeit stammen, ist ein Leben ohne Buchhandlungen, ohne Bibliotheken und ohne Kinos ein seelenloses Leben. Wenn das Fortschritt ist, dann sollen sie ihn sich dort hinstecken, wo die Sonne nicht hinkommt. „Du bist ein Pterodaktylus, ein Dinosaurier, ein Urzeitmensch“, sagt Osorio zu mir. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er Recht hat.
Soweit ich weiß, hatte Osorio nie eine Familie. Er hatte zwar Eltern, ja, aber er erinnert sich weder an sie noch daran, ob er Geschwister hatte, und er versichert ganz entschieden, dass er nie verheiratet war. Ich hingegen erinnere mich kaum an meine Eltern, mit denen ich, glaube ich, nie gut ausgekommen bin, und ich weiß nicht, ob ich Geschwister hatte oder nicht; jedenfalls sind sie aus meinem Gedächtnis verschwunden. An Carmencita hingegen, meine Frau von vielen Jahren, erinnere ich mich sehr gut. Nur spreche ich mit Osorio nie über sie. Jeden Abend – man glaubt es kaum – seit ich den Wahnsinn begangen habe, sie zu verlassen, denke ich an sie, und mich überkommen Gewissensbisse. Ich glaube, ich habe in meinem Leben nur eine einzige Sache falsch gemacht: Carmencita wegen einer Frau zu verlassen, die es nicht wert war. Sie hat mir natürlich nie vergeben, ich konnte mich nie wieder mit ihr versöhnen, und zu allem Überfluss heiratete Carmencita Roberto Sanabria, meinen bis dahin besten Freund. Es ist die einzige Begebenheit aus meiner fernen Vergangenheit, die mein Gedächtnis nicht vergessen hat und die mich noch immer quält. Jeden Abend, bevor ich einschlafe, denke ich an Carmencita und bitte sie um Verzeihung. Sie weiß das natürlich nicht, es sei denn, es gibt ein Leben nach dem Tod und die Toten vergnügen sich damit, uns Lebende zu beobachten. Ich habe sie nie wieder gesehen, und erst viele Jahre nach dem Vorfall erfuhr ich von dem Unfall, bei dem sie ums Leben gekommen war. Den Namen jener Frau, für die ich Carmencita verlassen habe, habe ich bereits vergessen; er wird mir zweifellos wieder in den Sinn kommen, doch selbst wenn nicht, wäre es mir egal. Ich habe sie nie geliebt. Es war eine heftige und vorübergehende Verliebtheit, eine dieser Verrücktheiten, die ein Leben zu Bruch gehen lassen. Weil ich tat, was ich tat, zerbrach mein Leben, und ich war nie wieder glücklich.
Es stimmt nicht, dass ich ein Pterodaktylus bin. Das bin ich jedenfalls in vielerlei Hinsicht nicht. Ich erkenne an, dass die heutige Welt in vielerlei Hinsicht besser ist als die meiner Jugend. Es gibt zum Beispiel weniger Armut als früher, und das ist eine großartige Sache. Statistiken besagen, dass die Mittelschicht achtzig Prozent der Menschheit ausmacht. Zweifellos eine große Errungenschaft – hoffentlich stimmt das auch. Doch dass immer noch ein Fünftel oder Sechstel der Menschen in Armut und Elend lebt, bedeutet, dass wir noch weit davon entfernt sind, die Armut auf diesem Planeten ausgerottet zu haben. Krebs und AIDS zu besiegen schien unmöglich, doch die Wissenschaftler haben es geschafft. Ich selbst habe einen Blutkrebs überlebt, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir hätten uns auch nie vorstellen können, dass es so üblich sein würde, dass Menschen hundert Jahre alt werden, und doch gibt es eine ganze Reihe von uns Zweibeinern, die beweisen, dass dies kein unerreichbares Ziel war. Und vor allem, dass Männer und Frauen so lange leben können, dabei ihren klaren Verstand bewahren und das Leben genießen, einschließlich des Sex. Ich spreche natürlich nicht für mich selbst, aber viele Menschen, die ungefähr in meinem Alter sein dürften, haben immer noch Freude am Liebesspiel, auch wenn ich nicht dazugehöre. Was die Freiheit angeht, so glaube ich heute – morgen habe ich vielleicht schon eine andere Meinung –, dass sie vollständig aus unserem Leben verschwunden ist. Das ist ein Grund für ständige Diskussionen mit Osorio. Er glaubt – zumindest sagt er das –, dass wir freier sind als je zuvor, und ist empört, wenn ich behaupte, dass dies eine Welt zufriedener und unterworfener Sklaven ist. Allerdings gibt er mir manchmal, vor allem wenn er schlechte Laune hat, Recht.


Ich dachte gerade über all das nach – über Osorio, die verschwundenen Kinos, die Jugendlichen mit ihren Laptops –, als ich etwas Seltsames in meinem Kopf spürte, etwas, das sich dann wie ein Schauer durch meinen ganzen Körper ausbreitete. Es war ein seltsames Gefühl. Ich tastete mich heimlich ab und hatte den Eindruck, dass mir weder am Kopf noch am Körper etwas passiert war. Was war das dann gewesen? Und zum ersten Mal, und mit wachsender Beklemmung, begriff ich genau, was mir passiert war: Ich wusste nicht, wie ich nach Hause kommen sollte. Ich hatte die Adresse vergessen. Oft hatte ich daran gedacht, sie auf einen Zettel zu schreiben, den ich bei all meinen Ausflügen bei mir tragen würde, aber ich hatte es nie getan. Jetzt passierte mir etwas Schlimmeres: Ich hatte auch vergessen, welche Straßen ich nehmen musste, um nach Hause zu kommen, das heißt in meine Kammer mit Bad. Ich blickte verzweifelt um mich herum: Die Menschen, die zur Protestkundgebung gegen die Schließung der „Ideal“-Kinos gekommen waren, hatten sich bereits zurückgezogen. Osorio war als einer der Ersten gegangen und hatte behauptet, er müsse einige Unterlagen zu irgendeinem Ministerium bringen. Ich stand also allein in dieser kleinen Ecke der Plaza Benavente, obwohl ich von Menschen, Autos, Bussen und Lastwagen umgeben war. Ich hatte absolut keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich hatte schon seit einer ganzen Weile Blähungen, wie immer, wenn ich nervös werde. Ich versuchte, es zu verbergen, als ob die wenigen Passanten meine Verwirrung bemerken könnten, ging zur Ecke und betrachtete aufmerksam das Schild, das hoch oben an der Wand hing: Plaza Jacinto Benavente. Das sagte mir natürlich nichts, obwohl ich wusste, dass sich mir dieser Name nach und nach offenbaren würde, wenn ich in meinem Gedächtnis kramte, und wie ein Lichtstrahl aufleuchten würde. Immer noch meine Verlegenheit verbergend, ging ich einmal um den Platz herum und musterte die Straßennamen. Ich verspürte nur ein leichtes Schaudern, als ich „Plaza del Ángel“ las, die ich, da war ich mir sicher, kannte und die mir etwas sagte, auch wenn ich nicht wusste, was. Als ich schließlich den ganzen Kreis umrundet hatte, setzte ich mich auf eine Bank und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Denn ich hatte große Angst. So etwas war mir noch nie passiert. Und ausgerechnet in diesem verdammten Moment hatte mich mein Freund Osorio dort zurückgelassen, allein und vergessen – wie hieß mein Freund noch gleich? Osorio, ja –, manchmal vergesse ich sogar meinen eigenen Namen; während ich versuchte, mich daran zu erinnern, ließ ich einige Furze los, was für ein Trottel Wie würde meine Umgebung wohl riechen? Denn den Geruchssinn habe ich schon vor langer Zeit verloren. Am besten mache ich mich auf den Weg, vielleicht kehren die Erinnerungen zurück, wenn ich mich bewege. Ja, ja, sie würden zurückkehren, während ich von Ort zu Ort gehe und meine Ruhe wiederfinde.
Ich entschied mich für eine Straße namens Carretas, die bergab führte. Ich hatte das Gefühl, fast schon die Gewissheit, dass mein Zuhause nicht weit entfernt war. An jenem Morgen hatte ich nicht lange gebraucht, um zum Ort der Demonstration zu laufen. Eine halbe Stunde höchstens, vielleicht weniger, möglicherweise nur fünfzehn oder zwanzig Minuten. Also eigentlich gar nichts. Ich ging ganz langsam, um nicht zu stolpern und zu fallen. Währenddessen erinnerte ich mich an Dinge und Menschen; sicherlich würde mir die Adresse meines Zuhauses wieder einfallen. Nach und nach würden mir die Straßen in den Sinn kommen, die mich von dem kleinen Zimmer voller Bücher und Papiere trennten, und von dem kleinen Badezimmer, in dem ich jeden Tag pinkelte, schiss, mich rasierte, duschte und meine wenigen Haare kämmte, bevor ich hinausging, um spazieren zu gehen und bei einem kleinen Kaffee mit Osorio zu plaudern.
Allerdings erkannte ich nichts und niemanden wieder, schon gar nicht die Straßen, an denen ich an jeder Ecke stehen blieb, um die Namen zu lesen. Ein weiterer Windstoß, ziemlich lang und laut. Warum hatte ich so viele davon? Weil ich nervös war, das passiert mir immer. Sobald ich mich an meine Adresse erinnern würde, würde ich mich beruhigen. Endlich kam ich an einem Platz an: der Puerta del Sol. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Ort, an dem so viele Menschen waren und außerdem Gedenktafeln, eine Uhr, Fahnen, Polizisten sowie Ein- und Ausgänge zur U-Bahn, wichtig sein musste. Aber ich erkannte nichts wieder. Und wozu sollte ich jemanden fragen? Was hätte ich fragen sollen? Ich hatte kein Papier bei mir; höchstwahrscheinlich würden sie, wenn sie mich so verwirrt sähen, die Polizei rufen, und diese würde mich auf eine Wache bringen. Während sie herausfanden, wer ich war und wo ich wohnte, würden sie mich in eine Zelle sperren. Und ich war mir sicher, dass ich dort nicht lebend herauskommen würde. Ein Schauer durchlief mich, der mich erneut von Kopf bis Fuß zittern ließ. Besser, ich hielt an, um mich eine Weile auszuruhen, und ging dann langsam weiter, um zu sehen, ob durch die Bewegung meines Körpers die Erinnerung in meinen Kopf zurückkehrte und ich mich zumindest an den Namen der Straße erinnerte, in der ich wohnte. Dort musste ich eine lange Treppe über mehrere Stockwerke hinaufsteigen, zumindest daran erinnerte ich mich.


Da es an der Puerta del Sol keine Bänke gab, hatte ich mich, genau wie eine Gruppe junger Leute beider Geschlechter, auf den Rand eines Brunnens gesetzt. Von Zeit zu Zeit fielen uns ein paar Wassertropfen auf Kopf und Schultern. Ich fühlte mich etwas müde, aber mein Kopf war weiterhin sehr aktiv und versuchte, mich an die Adresse meines Zuhauses zu erinnern. Ein weiteres Mal ließ ich meinen Blick umherschweifen. War ich hier entlanggekommen? Sicherlich, auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte. War es das erste Mal, dass ich einen so schweren Gedächtnisverlust hatte? Wahrscheinlich. Daran konnte ich mich auch nicht erinnern.
Ich sah, wie die Mädchen und Jungen, mit denen ich mir den Brunnen teilte, aufstanden, sich die Nasen zuhielten und mir vorwurfsvolle Blicke zuwarfen. „Ich habe einen Furz gelassen“, dachte ich. Und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Wie lange hatte ich meinen Geruchssinn schon verloren? Viele Jahre. Auch ich stand auf. Mein Rücken schmerzte ein wenig, und ich machte einen Rundgang um die Puerta del Sol, wobei ich langsam ging. Ich hatte vage den Eindruck, schon am frühen Morgen hier gewesen zu sein, als noch nicht so viele Menschen da waren wie jetzt, aber meine Erinnerung sagte mir nichts darüber, welche Straße ich nehmen musste, um nach Hause zu kommen. Und von der Puerta del Sol gingen viele Straßen in alle Richtungen Madrids ab. Die Sonne stand sehr hoch am Himmel, und es musste schon nach Mittag sein.
Es stimmt zwar, dass alles, was sich in dem großen Gebäude in Recoletos befand, mittlerweile digitalisiert ist, um auf jedwelchem Bildschirm abgerufen werden zu können. Aber für mich, der ich aus einer anderen Zeit stamme, ist ein Leben ohne Bibliotheken ein totes Leben. Und genau in diesem Moment – ich hatte, immer noch langsam schreitend, bereits eine Runde um die Puerta del Sol gedreht – war ich mir sicher, dass die Calle del Arenal, die direkt vor mir lag, mich in Richtung meines Zuhauses führen würde. Mein Herz pochte sehr stark in meiner Brust. Ja, heute Morgen war ich diese Straße entlanggegangen. Ja, sie würde mich zu meinem Zimmerchen führen.
Ich bin übrigens nicht in jeder Hinsicht ein Urzeitmensch. Ich gebe zu, dass die Welt von heute in vielerlei Hinsicht besser ist als die meiner Jugend. Es gibt zum Beispiel weniger Armut als früher, und das ist eine großartige Sache. Eine enorme Errungenschaft – hoffentlich stimmt das. Aber dass immer noch ein Fünftel oder Sechstel der Menschen auf diesem Planeten arm und elend ist, bedeutet, dass wir noch weit davon entfernt sind, das Elend ausgerottet zu haben. Dass es heute afrikanische Länder gibt, die mit denen der Ersten Welt um Modernität und Entwicklung wetteifern, wie zum Beispiel Südafrika, ist unglaublich. Krebs und AIDS zu besiegen schien unmöglich, und doch ist es gelungen. Und dann ist da noch das sogenannte Myelom, durch das ich fast zwanzig Kilo abgenommen habe und das zeitweise wieder auftritt, denn das Myelom ist eine sehr seltene Krankheit – niemand weiß, warum es auftritt oder wie lange es andauert, und es tötet die Patienten zwar meist nicht, verschwindet aber nie ganz. (Bei mir ist dieser Blutkrebs seit etwa zwei Jahren nicht mehr aufgetreten.) Wir hätten uns auch nicht vorstellen können, dass es so üblich sein würde, dass Menschen so alt werden, und doch gibt es viele hundertjährige Zweibeiner, die beweisen, dass es keine Fantasie war. Und vor allem, dass Männer und Frauen so lange leben können, wie wir es tun, dabei ihren klaren Verstand bewahren – das Gedächtnis leider nicht – und das Leben genießen. (Das letzte Mal, dass ich ohne chemische Hilfe Liebe gemacht habe, war vor etwa zehn Jahren, glaube ich, oder so ungefähr, denke ich.)
Doch trotz all dieser Fortschritte ist es nicht gelungen, Kriege oder Atomunfälle zu beenden, was bedeutet, dass die Welt, so fortschrittlich sie auch sein mag, jeden Moment untergehen könnte. Die Massaker zwischen Israelis und Palästinensern dauern an und sind ein täglicher Beweis für unsere selbstzerstörerische Neigung. Und es ist merkwürdig, dass ein Volk wie das jüdische, das im Laufe der Geschichte verfolgt wurde, imperialistisch und kolonialistisch geworden ist – zumindest gegenüber den unglücklichen Palästinensern. Der Atomunfall in der Stadt Lahore – ein Unfall, der möglicherweise auf einen Terroranschlag zurückzuführen war, dessen Ursprung jedoch nie geklärt werden konnte – forderte innerhalb weniger Minuten mehr als eine Million Tote. Trotzdem ist ein internationales Abkommen zur Entschärfung der atomaren Sprengstofflager nach wie vor unmöglich. Die Möglichkeit, dass jederzeit ein Krieg zwischen China und Indien ausbricht, ist eine Realität, die niemand ignoriert, denn sie rückt jeden Tag näher. Die Pessimisten glauben, dass, sollte es dazu kommen, die gesamte Erde durch die nukleare Katastrophe zerfallen würde. Zu ihnen gehört Osorio natürlich nicht. „Wenn es ausbricht, wird nur Asien verschwinden, glaub mir. Es gibt wissenschaftliche und militärische Studien dazu. Wir, die wir weit entfernt sind, werden überleben, mach dir keine Sorgen. Und vielleicht setzt sich nach der Katastrophe die Vernunft durch und es herrscht Frieden über das, was von der Erde übrig bleibt. Die Welt wird ein Museum sein, wie du es magst.“ Manchmal redet mein Freund Osorio solchen Unsinn, nur um mich zu ärgern. Das gelingt ihm natürlich immer.


Ich hatte die Calle del Arenal bereits vollständig durchquert und befand mich auf der Plaza de Isabel II, gegenüber dem Gebäude des Teatro Real, wo eine Spielzeit mit fünf Opern von Verdi angekündigt wurde. Ich fühlte mich sehr müde und nervös, und auf dem ganzen Weg hatte ich viele, lange und sicherlich übelriechende Winde abgelassen. Ich spürte, wie mir die Beine zitterten. Ich setzte mich auf einen der einsamen Stühle auf der Plaza de Isabel II, im Herzen des alten Madrids der Habsburger, um zu sehen, ob die Erinnerungen zurückkehren würden und ich mein Häuschen finden würde, das sich wohl in dieser Gegend befinden musste. Ich vermisste es.
Osorio muss wohl der letzte Freund sein, der mir noch geblieben ist. Ich weiß nicht, wann wir uns kennengelernt haben; jedenfalls nicht schon seit unserer Jugend. Mein lückenhaftes Gedächtnis sagt mir, dass es erst etwa zwanzig oder dreißig Jahre her ist. Ich weiß, dass ich in meiner Jugend Journalist war; Osorio sagt, er habe Philosophie an Schulen unterrichtet, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob er jemals Lehrer war, geschweige denn für Philosophie, denn er weiß sehr wenig über diese Themen. Er hat zum Beispiel nie Pascal gelesen, den ich früher viel gelesen habe und der mich dank seiner Werke fast dazu gebracht hätte, zum Katholizismus meiner Jugend zurückzukehren. Vielleicht hat Osorio vergessen, was er im Leben einmal war, weil sein Gedächtnis genauso lückenhaft ist wie meines, oder er versucht, mich und sich selbst zu täuschen, indem er sich eine Vergangenheit ausdenkt. Er hat natürlich jedes Recht der Welt, das zu tun. Unsere Abmachung besteht lediglich darin, uns jeden Morgen anzurufen, um zu erfahren, ob einer von uns beiden diese Welt verlassen hat, und dies der Polizei zu melden, damit wir im Feuer verschwinden. Das habe ich mir bereits überlegt und auch gesagt, glaube ich.
Wieder einmal durchsuchte ich alle Taschen, wie ich es an diesem Morgen schon so oft getan hatte, in der Hoffnung, diesmal mein Handy zu finden, um Osorio anzurufen und ihn nach meiner Adresse zu fragen. Aber ich hatte es vergessen, weil ich so in Eile zu dieser verfluchten Demonstration gegen die Schließung der Ideal-Kinos aufgebrochen war. Verdammt noch mal.
Soweit ich weiß, hatte Osorio nie eine Familie. Er hatte zwar Eltern, ja, aber er erinnert sich weder an sie noch daran, ob er Geschwister hatte, und er versichert ganz entschieden, dass er nie verheiratet war. Ich hingegen erinnere mich ein wenig an meine Eltern, mit denen ich mich, glaube ich, nie gut verstanden habe, und ich weiß nicht, ob ich Geschwister hatte oder nicht, denn ich erinnere mich nicht an sie – sie sind aus meinem Gedächtnis verschwunden. An Carmencita hingegen, meine Frau von mehreren Jahren, erinnere ich mich sehr gut. Nur spreche ich mit Osorio nie über sie. Jeden Abend, seit ich den Wahnsinn begangen habe, sie zu verlassen, denke ich an sie und werde von Gewissensbissen geplagt. Ich glaube, ich habe nur eine einzige Sache in meinem Leben falsch gemacht: Carmencita zu verlassen. Sie hat mir natürlich nie vergeben, ich konnte mich nie wieder mit ihr versöhnen, und zu allem Überfluss hat sie Sanabria geheiratet, einen guten Freund aus dem Viertel. Es ist die einzige Begebenheit aus meiner fernen Vergangenheit, die mein Gedächtnis nicht vergessen hat; und sie quält mich immer noch, vor allem nachts. Es war eine Verliebtheit des Schwanzes, nicht des Herzens. Dieser Schwanz, der mir jetzt zu nichts mehr nützt, außer zum Pinkeln. Warum sage ich immer noch „Pichula“, etwas, das in Spanien niemand sagt? Die Macht der Gewohnheit, natürlich. Carmencita im Stich gelassen zu haben, ist eine Begebenheit, die mich noch immer quält. Ich habe sie nie wieder gesehen und erst lange nach dem Vorfall erfahren, dass sie ums Leben gekommen war, als sie von einem Auto überfahren wurde. Ich konnte mich nie an den Namen der Frau erinnern, wegen der ich Carmencita im Stich gelassen habe. Genau wie meine Wohnadresse, die mir im ungünstigsten Moment aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Sie wird zweifellos zurückkehren, wenn ich sie am wenigsten brauche. Dieser leichte Windhauch war lang, aber so unauffällig, dass ich ihn kaum spürte. Wie lange saß ich schon auf der Plaza de Isabel II? Eine ganze Weile, vielleicht eine Stunde, womöglich zwei. Meine Beine fühlten sich taub an, und ich dachte, es täte mir gut, einen Spaziergang zu machen. Ich war immer noch völlig verloren, aber dafür fühlte ich mich jetzt ruhiger. Es musste schon nach Mittag sein, und obwohl ich mir nicht sicher war, kam es mir so vor, als hätte ich den ganzen Vormittag weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen, noch auch nur ein Glas Wasser getrunken. Ich fragte einen Passanten, wie spät es sei, und er antwortete mir, es sei kurz vor drei.


Drei Uhr nachmittags! Würde ich mein Zuhause endlich finden? Oder müsste ich zur Polizei gehen, damit man mir hilft? Ich müsste Papiere vorlegen, die ich natürlich nicht dabei hatte, und das Ganze würde nur Verwirrung stiften und eine furchtbare Zeitverschwendung sein. Ich war an einem großen Platz angekommen, an dessen Ende sich ein Gebäude befand, das ich sofort als den Königspalast erkannte. War das die Plaza de Oriente? Ja, das war sie. Ich erinnerte mich an diesen Ort und dachte sogar, dass ich dort, in längst vergangenen Zeiten, schon einmal hier entlanggeschlendert war, als ich auf dem Paseo del Pintor Rosales spazieren ging oder sogar joggte, der natürlich ganz in der Nähe in dieser Richtung lag. Wenn ich weiterging, würde ich zu meiner Linken den Parque del Oeste sehen, der sich abends mit ausländischen Prostituierten füllte, vor allem aus der Dominikanischen Republik und Haiti. Dann entdeckte ich, nicht weit von mir entfernt, einen Trinkbrunnen, an dem die Leute Flaschen füllten oder tranken. Ich stellte mich in die Schlange und nahm ein paar kräftige Schlucke frisches Wasser, die mir sehr gut taten. Und ich rundete das Ganze mit einem kurzen, heimlichen Windstoß ab, der niemanden störte.
Während ich den Paseo del Pintor Rosales entlangging, dachte ich, dass es gut sei, dass die Museen noch nicht verschwunden seien. Würden wir nicht dahin kommen? Sind die Gemälde und Skulpturen, die sich darin befinden, nicht etwa digitalisiert? Das ist zweifellos der Grund, warum so wenige Menschen sie besuchen. Sogar der Prado, der früher immer voll war, vor allem im Sommer. Viele Menschen ziehen es mittlerweile vor, die Gemälde auf Bildschirmen zu betrachten, genau wie Osorio. Als ob es dasselbe wäre, einen Goya, einen Velázquez oder einen Rembrandt im Original zu sehen oder als Bild auf einem Computer! Das Erstaunliche ist, dass es Kritiker und Professoren gibt, die eine solche Barbarei vertreten: dass es vorzuziehen sei, nicht nur wegen des Komforts für den Betrachter, sondern auch, weil das digitale Bild präziser und exakter sei als das Original. Ihnen zufolge lässt sich das Kunstwerk auf dem Bildschirm mit einer Detailgenauigkeit, Langsamkeit und Vollständigkeit betrachten, die der bloße Anblick uns nicht ermöglicht. Viele Menschen schlucken diese Lügen, und die Museen bleiben immer leerer. Ich muss demnächst mal wieder in den Prado gehen, ich war schon lange nicht mehr dort. Aus diesem Grund, wegen des Besuchermangels, werden ihre Budgets gekürzt und sie sind täglich weniger Stunden, an weniger Tagen in der Woche und in weniger Wochen im Jahr geöffnet. Am Ende werden sie wegen mangelnder Besucherzahlen geschlossen. Und eines Tages werden Wissenschaftler entdecken, dass die Mischung aus Ölfarbe und Leinwand gesundheitsschädlich ist, und dann müssen alle Gemälde aus Gründen der öffentlichen Gesundheit verbrannt werden. Ich hoffe, dass ich nicht mehr hier bin, wenn diese Tragödie eintritt. Mann, bin ich heute pessimistisch! Ich war im Debod-Park angekommen, dort stand der ägyptische Koloss, an den ich mich vage erinnerte, und da es keine Stühle gab und ich müde war, setzte ich mich ins Gras. Ich spürte, wie mein Herz kräftig in meiner Brust schlug, und dachte sofort an einen Herzinfarkt. Aber nach wenigen Minuten beruhigte ich mich: Es war ein Fehlalarm.

Ich stand noch nicht auf. Ich fühlte mich dort wohl. Im Debod-Park waren nicht viele Leute. Ein paar Touristen, die das ägyptische Denkmal fotografierten. Jemand hatte mir erzählt, dass genau hier während des Bürgerkriegs die „Cuartel de la Montaña“ stand. Und dass, als Franco den Aufstand anzettelte, auch die Soldaten dieser Kaserne sich erhoben, aber die Bevölkerung Madrids in Scharen herbeiströmte, die Tore der Kaserne aufbrach und ein großes Massaker an den Soldaten verübte. Was waren das für Zeiten! Heute bewegt sich in Spanien nichts mehr, und es wird dort nie wieder Bürgerkriege geben. Zum Glück. Der heutige „Francoismus“ ist anderer Art: ohne Caudillos und extremistische Parteien, ohne Erschießungen und Folter, alles sehr wissenschaftlich, gestützt auf Physik und Mathematik und vor allem auf die absolute Vorherrschaft von Bildschirmen und Bildern über Vernunft und Ideen.
Ich hatte mich ins Gras gelegt und fühlte mich ruhig. Vielleicht würde ich ein Nickerchen machen und mir im Traum die Adresse meines Zuhauses wieder ins Gedächtnis rufen.
Ich dachte an die seriösen Museen, nicht an die Galerien, die – zumindest im ästhetischen Sinne – nicht mehr das waren, was sie einmal waren. Inzwischen hatten sie sich in kleine Zirkusse verwandelt, die weniger interessant waren als die großen Zirkusse – die einzigen Institutionen, wie ich gestehen muss, die sich in dieser Zeit so weit weiterentwickelt haben, dass sie zu wahren künstlerischen Spektakeln geworden sind. Das war mir schon seit Langem bewusst, wenn auch insgeheim. Das würde ich Osorio niemals sagen, denn er würde vor Freude in die Luft springen und ausrufen: „Du hast dich an die Moderne verkauft!“ Ich habe mich weder verkauft noch irgendwelche Zugeständnisse gemacht. Ich stelle lediglich eine objektive Tatsache fest. Während alles, was in der Vergangenheit künstlerisch war – wie Ballett, Oper, Malerei, Bildhauerei, Literatur, klassische Musik und die Geisteswissenschaften –, so stark verfallen ist, dass es entweder verschwunden ist oder sich zum Schlechten verändert hat, hat sich der Zirkus – früher eine Unterhaltung für Kinder oder für Erwachsene und ältere Menschen, die sich nach ihrer Kindheit sehnten, und den vor einem halben Jahrhundert niemand als Kunst bezeichnet hätte – neu erfunden, bereichert und ein Maß an Strenge, Eleganz, Kühnheit und Perfektion erreicht, das vielen seiner Darbietungen die Schönheit eines alten Kunstwerks verleiht. Natürlich hat die technologische Entwicklung teilweise zu dieser Wandlung der Zirkusse in hochkarätige Kunstdarbietungen beigetragen. Die Jugendlichen, die früher Architekten, dann Filmemacher, dann Sänger, dann Köche oder Fußballer werden wollten, träumen nun davon, Zirkusartisten, Trapezkünstler, Clowns, Seiltänzer oder Zauberer zu werden. So ändern sich die Zeiten.
War ich eingeschlafen? Ich war jedenfalls kurz davor. Ich fühlte mich wohl. Es wehte eine angenehme Brise; allerdings hatte ich das Gefühl, von Insekten gestochen zu werden, vor allem von Ameisen. Mein Magen gab mir ein wenig Ruhe. Mich überkamen keine dieser unangenehmen Blähungen, die mir schon so oft Peinlichkeiten beschert hatten.
Vor einigen Wochen – oder Monaten? – hatte ich zum Beispiel, nachdem ich lange gewartet hatte, endlich eine Eintrittskarte ergattert und war hingegangen, um den berühmten Adonis Mantra zu sehen. Ein wahres Wunderkind, dieser Zauberer aus Schlesien; er ließ Menschen aus dem Publikum vor den Augen der Zuschauer verschwinden, ließ sie schweben, flog selbst bis zur Decke des Saals und tauchte – nachdem für eine Sekunde alle Lichter ausgegangen und wieder angegangen waren – gefesselt auf dem Boden einer Truhe wieder auf. Unglaubliche Tricks, absolute Genialität.
Das Gleiche gilt für Zeichentrickfilme. Und zweifellos aus denselben Gründen: den technologischen Fortschritten. Es ist merkwürdig. Als Kind mochte ich, im Gegensatz zu meinen Schulkameraden, den Zirkus nicht. Vor allem die dressierten Raubtiere machten mir Angst. Ich ging hin, wenn meine Eltern mich mitnahmen, aber ich war nicht so begeistert davon wie meine Freunde. Und noch weniger von Zeichentrickfilmen. Wenn darüber diskutiert wurde, welchen Film wir uns ansehen sollten, war ich immer gegen die Idee, mir einen mit Donald Duck, Micky Maus oder Popeye und der dünnen Olivia reinzuziehen. Sie langweilten mich. Und doch sind sie heute die einzigen Filme im Fernsehen, die ich gerne anschaue. Unglaublich, welche Effekte sie erzielen. Die Figuren springen aus den Bildschirmen, schauen einem in die Augen, setzen sich auf den Schoß, verstecken sich unter dem Sofa. So kam es mir zumindest vor. Es muss wohl wahr sein, dass man im Alter wieder in die Kindheit zurückkehrt. In meinem Alter hatte ich Gefallen an Zirkussen und Zeichentrickfilmen gefunden – den beiden einzigen Bereichen, in denen ich anerkennen musste, dass die Kultur – die Kultur? – von heute die von gestern übertroffen hatte.


Trotzdem ist es doch traurig, dass in einer Zeit, in der es unmöglich wäre, dass ein Cervantes, ein Michelangelo oder ein Beethoven auftauchen, das Einzige, was diesen Giganten an Originalität und Schönheit vergleichbar ist, die Artisten im Zirkus und die Männchen aus Zeichentrickfilmen sind. Es ist unfair von mir, so zu denken, denn ehrlich gesagt vermitteln mir heute nur noch diese beiden Dinge das Gefühl, absolute Erfüllung gefunden zu haben – so wie es mir in meiner Jugend das Lesen von „Krieg und Frieden“ oder der erste Anblick von „Die Geburt des Frühlings“ in den Uffizien in Florenz und der „Mona Lisa“ im Louvre beschert haben.
Ich fühlte mich wohl und schlief weiter auf dem Rasen des Debod-Parks. Ich erinnere mich nicht an die Adresse meines Zuhauses, und es ist mir egal. Die sogenannten Kunstgalerien hingegen erscheinen mir in den allermeisten Fällen wie gescheiterte Zirkusse. Oder Theater für lächerliche Possen. In der letzten, die ich vor einigen Monaten (oder Jahren?) besucht habe – der Marlborough in Madrid –, wurden unter dem Titel „Kunst für Fantasie und Vorstellungskraft“ immaterielle Gemälde des berühmten Emil Boshinsky ausgestellt. Ich weiß jedenfalls nicht, warum dieser Betrüger so berühmt ist. Seine Machwerke waren auf großen Bildschirmen zu sehen. Sie trugen ziemlich auffällige Titel wie „Tiburcio, der Sturmmacher“ oder „Die Kapuze des Mönchs Romualdo“. Es waren Feuerwerke, wie die Figuren in Kaleidoskopen – diesen kleinen Kästchen, die farbige Gläser in Bewegung zeigen, mit denen man versuchte, Kinder abzulenken, als ich noch eines war.
Übrigens weiß heute niemand mehr, was Kaleidoskope waren; Kinder spielen natürlich nicht mehr mit solchen Spielzeugen; heute bedienen sie schon von Geburt an Computer. Neulich habe ich mich mit Osorio gestritten, denn er schwor mir, dass er diese Röhren mit den bunten Gläschen, die bei Bewegung ihre Form veränderten, noch nie gesehen habe. Sie waren unterhaltsam und schön, und ich glaube, ich habe Stunden damit verbracht, mein rechtes Handgelenk zu bewegen, damit die Figuren tanzten. So kam es mir zumindest vor – vielleicht ist es auch nur eine falsche Erinnerung.
Das Besondere an der Ausstellung von Emil Boshinsky ist, dass seine Bilder nicht existieren: Abgesehen von ihren Titeln existieren die Leinwände nur digital. Aber sie können bei der Marlborough erworben werden, die den Käufern ein Eigentumszertifikat ausstellt. Ich hielt das für einen einfachen Scherz, und noch schlimmer wurde es, als mir die Galeristin eine ganze gesellschaftspolitische Erklärung lieferte, um diese Farce zu rechtfertigen. Sie versicherte mir, dass Boshinsky mit dieser künstlerischen Erfindung ein uralte Problem gelöst habe, nämlich das des Privateigentums und seiner Verleumder. Es wurde schon immer als Diebstahl und Ungerechtigkeit der Reichen gegenüber den Armen angesehen. Die „immateriellen Gemälde“ haben Eigentümer, sodass das Privateigentum respektiert wird, und gleichzeitig kann jeder dieses Privateigentum genießen, ohne es dem Eigentümer über das Internet wegzunehmen. Sie versicherte mir, dass bereits mehrere „immaterielle Gemälde“ zu sehr moderaten Preisen – sie lagen bei gerade einmal 20 bis 25.000 Euro – verkauft worden seien und die Galerie dies als Erfolg betrachte. Ich sagte ihr – ich weiß nicht, wie mir das einfiel –, dass ein peruanischer Dichter und Maler, Jorge Eduardo Eielson, vor etwa achtzig Jahren (oder noch viel länger) die „imaginären Skulpturen“ erfunden hatte. Er stellte sie an sehr auffälligen Orten auf, am Schiefen Turm von Pisa, am Triumphbogen, an der Freiheitsstatue, und schickte sogar eine davon in einem NASA-Raumschiff zum Mond. Ohne dafür auch nur einen Cent zu verlangen. Ich dachte, es würde die Galeristin amüsieren zu erfahren, dass Boshinsky einen Vorläufer hatte, doch sie sah mich ungläubig und etwas düster an. Während ich mich mit ihr unterhielt, überkamen mich zwei Winde, die ich zu verbergen versuchte, indem ich mich ein wenig zusammenzog, als wolle ich mir am Bein kratzen
Als ich aufwachte, hatte ich Schüttelfrost, und das Tageslicht war schwächer geworden. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass mir im Schlaf nicht nur Winde entwichen waren, sondern auch der Magen nachgegeben hatte und mir die Kacke herausgelaufen war. Dieser verdammte Magen! Es war nicht das erste Mal, dass mir das passierte. Es war mir schon einmal passiert, in einem Kino, als ich einen Film von John Ford sah, einem Filmemacher, den ich sehr bewundere. Jetzt musste ich dasselbe tun. Mich sorgfältig säubern, die mit Scheiße vollgeschmierte Unterhose und die Hose mit Bleichmittel waschen. Wie eklig. Vorausgesetzt, ich fand meinen Weg nach Hause. Es schien noch ein wenig die Sonne. Ich hatte Schüttelfrost, und wahrscheinlich hatten mich die Insekten gestochen, vor allem die Ameisen, während ich schlief. Ich erinnerte mich natürlich weder an die Adresse meines Zuhauses noch an den Namen der Straße, aber die Angst hatte nachgelassen. Ich hatte mich mehr mit meinem Schicksal abgefunden. Ich stand mühsam auf und fragte einen Passanten nach der Uhrzeit. Es war zehn nach fünf Uhr nachmittags. Ich hatte noch Zeit, mich an die Adresse meines Zuhauses zu erinnern. Falls ich mich nicht daran erinnern sollte – aber ich war optimistisch, ich hatte das Gefühl, dass es in der Nähe war, dieses Viertel kam mir bekannt vor –, würde ich zur Polizei gehen, um die Nacht nicht im Freien verbringen zu müssen. Vielleicht würde ich die Arrestzellen nie wieder verlassen. Aber zumindest bei der Polizei, während sie herausfanden, wer ich war, wäre ich unter Dach und Fach. Was würde ich tun, wenn es regnete? Ich machte mich Schritt für Schritt auf den Weg die Avenida del Pintor Rosales entlang.


Osorio schleppte mich vor einigen Monaten – vielleicht waren es auch nur Wochen – in eine neue, „bahnbrechende“ Galerie, wie er mir sagte, in Lavapiés. Die Ausstellung trug den Titel „Skulpturen für den Geruchssinn“. Dort standen etwa zwanzig große Puppen, die sich übergaben, urinierten, Kot absetzten oder Flüssigkeiten – nennen wir es beim Namen: Rotz – aus Ohren und Nasen absonderten, und um die Bedeutung der Ausstellung voll und ganz zu erfassen, musste man an einigen Behältern riechen, in die zwei dieser Puppen ihre Ausscheidungen abließen. Schon beim Betreten überkam mich so großer Ekel, dass ich selbst Lust bekam, meine Seele in diese Fäulnisgruben zu erbrechen. Und natürlich überkam mich eine Reihe von Winden. Das passiert mir immer, wenn mir etwas auf die Nerven geht. Aber Osorio – wie immer – versicherte mir, dass man nach einem anfänglichen Schock den Ekel überwinden und beginnen würde, die tiefere Bedeutung der Ausstellung zu verstehen. Und er fügte hinzu: „ihre metaphysische Bedeutung“. Der arme Naivling glaubte, er könnte mich einschüchtern. „Ich hätte nie gedacht, dass Metaphysik nach Furz riecht“, antwortete ich ihm. „Meine eigenen reichen mir schon.“ Am Ende des Rundgangs belohnte der Künstler selbst – ein langhaariger junger Mann mit verrücktem Blick, der aussah, als hätte er sich noch nie gewaschen, und der behauptete, Gregorio Samsa zu heißen – den heldenhaften Besucher mit einem übersetzten Text von Baudelaire über den künstlerischen Wert von Gerüchen.
Ich gehe fast gar nicht mehr ins Theater oder in die Oper, obwohl ich beides früher so sehr mochte. Genau deshalb gehe ich nicht mehr hin. Weil auch das mittlerweile zu einer Farce geworden ist, zu einem Vorwand, um die kleinen Bildschirme zu benutzen – wie alles in dieser elektronischen und digitalen Welt, in der wir dank des Fortschritts gelandet sind.
Und wenn man bedenkt, dass es als große Erfindung gefeiert wurde – ich erinnere mich noch sehr gut daran, es war vor etwa vierzig Jahren, oder zwanzig, oder zehn: das, was man die kommentierte Multimedia-Show nennt. Es schien ein Fortschritt zu sein, dass man eine Oper hören und gleichzeitig auf dem tragbaren Bildschirm Informationen über das Werk, den Komponisten, den Librettisten, den Dirigenten und den historischen Kontext des Stücks erhalten konnte – und obendrein war es möglich, mit anderen Menschen über die Aufführung zu diskutieren, mit Zuschauern, die ganz in der Nähe waren oder weit entfernt von dem, was auf der Bühne geschah. Bravo, ganz großartig. Nur da es nur eine Aufmerksamkeit gibt und auch nur ein Gehirn, führt eine solche gleichzeitige Tätigkeit dazu, dass sich der Zuschauer letztendlich auf die kleinen Bildschirme konzentriert und sich völlig von der Oper ablenken lässt, die er theoretisch hören und sehen wollte. Das gesamte Theater verwandelt sich in eine Menschenmenge, die, anstatt der Musik zu lauschen und sie zu genießen, völlig in die kleinen Bildschirme vertieft ist, sich über ein Stück informiert, das sie nur bruchstückhaft hören und sehen, und mit anderen „Bildschirmjunkies“ wie ihnen selbst diskutiert – oder besser gesagt: klatscht –, die ebenfalls wie magnetisch von den kleinen Bildschirmen angezogen sind. Es ist unmöglich, ein Konzert, eine Oper oder sogar eine leichte Komödie zu genießen, umgeben von Menschen, die nichts anderes tun, als auf ihren Tablets zu tippen oder sie zu streicheln, die sie direkt vor den Augen haben, und die unaufhörlich um den armen Zuschauer herumzwinkern, der mit der dummen Illusion ins Theater gegangen ist, das Geschehen auf der Bühne zu hören und zu sehen. Der einzige ernstzunehmende Zuschauer, der heute noch zugelassen wird, ist der, den der Zweibeiner selbst auf seinem tragbaren Gerät erzeugt – dieser Verbrenner von allem, was echt und authentisch ist, etwas, das in dieser Welt, in der nur das Künstliche und Unechte herrscht und glänzt, praktisch verschwunden ist.


War das nicht das Teatro Real? Stand ich nicht wieder vor dem Palacio de Oriente? Ja, natürlich. Das war der Königspalast, wo die Könige die Beglaubigungsschreiben der Botschafter entgegennahmen. Wie war ich hierhergekommen? Ich hatte das Gefühl, in die andere Richtung gegangen zu sein. Irgendwann musste ich umgedreht sein und den Weg, den ich am Morgen zurückgelegt hatte, noch einmal gegangen sein. Ja, das war das Teatro Real. Ich war sehr müde und wieder niedergeschlagen. Ich spürte etwas Seltsames auf meinem Gesicht, berührte meine Augen und stellte fest, dass sie voller Tränen waren. Ich brachte den Mut auf, mich zusammenzureißen, um nicht laut zu weinen. Würde ich jemals nach Hause kommen? Ich war schon sehr müde, mein Körper zitterte und ich sehnte mich danach, ins Bett zu gehen. Wie herrlich, sich gut einzukuscheln und einzuschlafen, in dem Wissen, dass ich einige Stunden später im Tageslicht aufwachen würde und dass das mein Zuhause wäre – nun ja, mein Zimmer und mein kleines Bad. Ja, wie herrlich. Der Gedanke, die ganze Nacht auf einer Bank sitzend zu verbringen und vor Kälte zu frieren, erfüllt mich mit Entsetzen. Ich bin mir sicher: Wenn ich die ganze Nacht im Freien verbringen muss, werde ich wie ein Hund sterben. Ich war sehr müde und suchte mir eine Bank, auf der ich sitzen und die Zeit verstreichen lassen konnte.
Als ich mich in eine Ecke der Plaza de Oriente setzte, halb mit dem Gesicht zum Königspalast gewandt, halb mit dem Rücken dazu, fühlte ich mich ruhiger. Ich fuhr mir über die Augen, und das Weinen hatte aufgehört. Ich blickte zum Himmel, der klar und strahlend war. Einige Sterne waren bereits zu sehen.
Manchmal denke ich, dass mich das, was um mich herum geschieht, unmerklich auch beeinflusst und ich nicht mehr wirklich unterscheiden kann zwischen dem, was Kultur ist, und dem, was in der verrückten Welt, in der wir heute leben, als solche durchgeht. Ich meine damit meine Diskussion neulich mit Osorio nach dem Abendessen bei den Arismendis, diesen Millionären – oder besser gesagt: Milliardären. Das Abendessen hat mich sehr beeindruckt, das ist wahr, nicht wegen des Essens – das war nichts Besonderes –, sondern wegen der Hologramme. Ehrlich gesagt, wie bemerkenswert: ein märchenhaftes Spektakel. Es hat uns, das halbe Dutzend Gäste, von Anfang bis Ende des Abends überrascht und verzaubert. Ich hatte schon Hologramme auf Messen, Ausstellungen und in Museen gesehen, aber diese dreidimensionalen Figuren hatten mich nie wirklich in Staunen versetzt. An diesem Abend jedoch schon. Ich wusste gar nicht, dass sich die Hologrammtechnologie so weit weiterentwickelt hatte, dass sie die Wunder hervorbringen konnte, die wir bei den Arismendis gesehen haben.
Zunächst war ich sprachlos, als ich neben dem Butler, der mir die Tür öffnete und mir half, Mantel und Schal abzulegen, ein holografisches Doppelgänger von ihm entdeckte – einen weiteren Butler mit demselben Gesicht und derselben Kleidung, der seine Gesten, sein Lächeln und seine Verbeugungen nachahmte. Das war erst der Anfang. Den ganzen Abend lang waren wir von diesen geisterhaften Gestalten umgeben, die als Doppelgänger der Kellner oder Kellnerinnen fungierten, den Tisch bedienten, Platten mit Häppchen und Getränken herumreichten – so absolut identisch mit den echten, dass es zu einem regelrechten Rausch wurde; es gab uns allen das Gefühl, in eine Traumwelt eingetreten zu sein, in einem surrealistischen Gedicht zu leben und zu erfahren, dass das Wunderbare des Alltags existiert – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll –, eine Welt, in der es schwerfällt, die Grenzen zwischen der Realität, den Figuren aus Fleisch und Blut und ihren Doppelgängern, diesen Marionetten der technologischen Illusion, zu unterscheiden. Der krönende Abschluss kam ganz am Ende, als zum Abschied an der Haustür Doppelgänger unserer Gastgeber, die fiktiven Arismendis, auftauchten, die uns ebenfalls eine gute Nacht wünschten und uns alles Gute sagten.


Meine Diskussion mit Osorio wurde heftig, als ich ihm erzählte, welchen Eindruck dieses holografische Abendessen auf mich gemacht hatte. Er unterbrach mich fröhlich, als hätte er mich bei etwas Schrecklichem erwischt, zum Beispiel beim Masturbieren. „Nun sag mir, ist das, was wir gesehen haben, Kunst oder nicht?“ Ich sagte ihm, dass es keine Kunst sei, sondern nur eine bemerkenswerte technische Meisterleistung. Er entgegnete: „Nun, das ist doch das, was Kunst schon immer auch gewesen ist: eine technologische Meisterleistung. Darin besteht die Kunst unserer Tage.“ Es war eine stundenlange Diskussion, in der ich mich weigerte, seine Theorie zu akzeptieren, wonach die wahren Künstler unserer Zeit die Elektronikingenieure, die Programmierer, die großen Spezialisten für Ton und Bild sowie die Internetprofis seien. Doch obwohl ich ihm nie Recht gegeben habe, steckt in Osorios Argumenten eine bedrückende Wahrheit: Wir leben in einer Welt, in der das, was wir früher Kunst, Literatur und Kultur nannten, nicht mehr das Werk der Fantasie und Geschicklichkeit einzelner Schöpfer ist, sondern das der Labore, Werkstätten und Fabriken. Das heißt, das Werk dieser verdammten kleinen Maschinen. (Bin ich etwa ein Maschinenstürmer? Vielleicht bin ich es.)


Ich spürte, wie mich die Müdigkeit wieder übermannte. Wenn ich einschlafen würde, wären beim Aufwachen viele Sterne am Himmel. Einen ganzen Tag lang hatte ich nach meinem Zuhause gesucht – nun ja, nach meinem kleinen Zimmer –, in der Gewissheit, dass es hier irgendwo war, ganz in der Nähe, ohne es finden zu können. Jetzt, in diesem Moment, war mir das egal. Ich wusste, dass meine Unterhose voller Scheiße war, weil mir in meinem kleinen Nickerchen auf der Avenida del Pintor Rosales die Kacke herausgelaufen war, und auch das war mir egal. Ich rollte mich zusammen und dachte, dass ich mich wohlfühlte und noch ein kleines bisschen länger schlafen würde.
Hat die Kultur etwa keine Funktion mehr in diesem Leben zu erfüllen? Sind ihre ursprünglichen Ziele – die Sensibilität und die Vorstellungskraft zu schärfen, die Freude an der Schönheit zu wecken und den kritischen Geist der Menschen zu fördern – für die Menschen von heute nicht mehr notwendig, da Wissenschaft und Technik sie mit Erfolg ersetzen können? Vielleicht ist das der Grund, warum es an keiner Universität in den zivilisierten Ländern der Welt mehr philosophische Fakultäten gibt. (Ich habe neulich ein wenig recherchiert und im Internet erfahren, dass zu den letzten noch existierenden philosophischen Fachbereichen einer an einer Universität in Cochabamba, Bolivien, und ein weiterer an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Marquesas-Inseln gehört. Bei letzterem teilt sich die Philosophie den Fachbereich jedoch mit Theologie und Kochkunst. Was für eine Mischung! Ich stelle mir den Doktortitel in Philosophie, Theologie und Gastronomie vor und lache mich kaputt.)
Hätten jedoch die Ideen an sich, losgelöst von unmittelbaren praktischen Zwecken, verschwunden, wäre infolgedessen auch jede Form von Dissens und Widerspruch in unseren Gesellschaften verflogen. Glücklicherweise ist das noch nicht der Fall, auch wenn ich befürchte, dass wir auf diesem Weg auf genau dieses Ziel zusteuern: eine Gesellschaft von Automaten. Meine Hoffnung ruht auf der Bewegung der „Unausgeglichenen“, die sich nicht nur in Spanien, sondern weltweit ausgebreitet hat. Allerdings habe ich gemischte Gefühle gegenüber den „Unausgeglichenen“. Manchmal erwecken sie meine Sympathie, weil ihnen diese Welt nicht gefällt und es aufgrund ihrer Lebensweise offensichtlich ist, dass sie sie verändern möchten. In ihnen steckt eine selbstlose Haltung, geprägt von Reinheit und Spiritualität – all das, was in unseren übrigen Gesellschaften, die sich frenetisch der Arbeit, der Produktion, dem Geldverdienen und dem Konsum unterhaltsamer Spielereien verschrieben haben, ausgestorben zu sein scheint.

Aber ich bin weit davon entfernt, alle ihre Thesen und Marotten zu teilen. Auch ihre fanatische Haltung gegenüber bestimmten Dingen wie Sex und Fleisch macht mir Angst – ohne die meine Jugend und meine reifen Jahre vieler Freuden beraubt gewesen wären, an die ich mich mit einer Rührung erinnere, die mir an manchen Tagen Tränen in die Augen treibt. (Mit den Jahren bin ich ziemlich weinerlich geworden.) Ich sage nicht, dass Liebe machen und ein saftiges Churrasco essen gleichwertig wären, so dumm bin ich nun auch wieder nicht. Allerdings glaube ich, dass Liebe machen etwas Wunderbares war, vor allem, als ich jung war. Ich erinnerte mich an Carmencita. War es nicht herrlich, sich auszuziehen, stundenlang im Bett zu schmusen und Liebe zu machen, wenn ich von der Nachrichtenredaktion, in der ich arbeitete, nach Hause kam? Zum ersten Mal den nackten Körper eines Mädchens zu sehen, mit ihr Liebe zu machen, so zart, wie man damals ein Gedicht schrieb, gemeinsam berauscht von Begierde und Glück zu genießen, zu spüren, wie die Zeit verschwand und man jene Unsterblichkeit des Augenblicks erreichte, die die körperliche Ekstase schenkt: Was für ein Wunder! Heute bin ich mir sicher, dass Sex nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie damals, als man in jenen fernen Jahren nach und nach die Tabus und Schleier überwinden konnte, die die körperliche Liebe umgaben, und schließlich zum Geschlechtsakt gelangte wie jemand, der das Paradies erreicht. Im Übrigen war es damals ein wahrer Genuss, ein gutes Steak, ein großes Rindersteak oder Nieren in Wein zu verspeisen – etwas, das der Normalsterbliche mit gutem Gewissen tat, ohne die moralischen und politischen Probleme, die das heute mit sich bringt, wo jeder Witze darüber macht, den Anweisungen der Ernährungsberater folgt und die Gerichte wie Heilmittel oder Medikamente wirken. Uff, wie eklig ist es doch, heutzutage zu essen und zu trinken. Das sagt jemand, der fast nie zu viel isst und selten diese pharmazeutischen Flüssigkeiten trinkt, die man heute Wein nennt.


Ich schlief und träumte ruhig, in vollkommener Harmonie mit mir selbst. Meine Angst und meine Kälte waren verschwunden. Ich fühlte mich wohl in meinem Traum.


Man sagt, die Bewegung der „Unausgeglichenen“ sei vor einem halben Jahrhundert in Japan entstanden. Auf jeden Fall verlief ihre weltweite Ausbreitung langsam, sie vollzog sich wie ein natürliches Phänomen, so wie sich Flüsse ihren Weg bahnen – nicht durch Propaganda und Missionierung; denn angesichts ihres ungezügelten Individualismus wäre das Letzte, was ihre Anhänger tun würden, zu Propagandisten und Aposteln ihrer Lebensphilosophie zu werden. Sie stellen keine neue Religion dar, ganz und gar nicht. Was sind sie dann? So etwas wie eine friedliche und ikonoklastische Bruderschaft, die jenseits oder innerhalb der eigenen Grenzen vor allem junge Menschen miteinander verbindet. Ich nenne sie „Bruderschaft“, denn von „Ideologie“ zu sprechen, wäre ein Anachronismus: Niemand weiß heute mehr, was das ist oder war. Es gibt auch keine Ideologien mehr, die diesen Namen verdienen. Alles ist in diesem Leben sehr praktisch geworden, vor allem die Politik. Vielleicht ist die Bewegung der „Unausgeglichenen“ eine Reaktion auf den allgegenwärtigen materialistischen Pragmatismus, der sich als einzige Lebensform durchgesetzt hat, ein einzigartiger Protest gegen eine Welt voller Menschen, die sich in fast allem einig zu sein scheinen und nicht über die Scheuklappen hinaussehen, die sie tragen – die wir tragen, ich weiß nicht, warum ich mich selbst ausnehme –, ohne es zu wissen. Nein, die „Unausgeglichenen“ betreiben weder Indoktrination noch Missionierung, zumindest soweit ich weiß. Allerdings gehen sie mit gutem Beispiel voran. Und das hat sich herumgesprochen, hat sich ausgebreitet. Jetzt sind sie überall, auch wenn die Bildschirme, die in den Straßen wimmeln und Nachrichten senden, meist nicht über sie berichten. Aber Tatsache ist, dass ihre Art zu sein und zu leben bei vielen jungen Menschen der jüngsten Generation einen tiefen Nerv getroffen hat. Da sie so friedlich sind und meist keine Kundgebungen oder Zeltlager veranstalten, den Medien aus dem Weg gehen und nicht gerne in Gruppen auftreten, bleiben sie etwas unbemerkt. Aber sie sind da und umgeben uns. Tausende, Zehntausende, vielleicht sogar Millionen. Und, das ist sicher, allesamt junge Menschen. Ich nehme an, dass sie sich zurückziehen, wenn sie in die Jahre kommen. Oder vielleicht werden sie von den Jüngeren getötet. Im Traum musste ich lachen, amüsiert über diesen Gedanken. Von wegen! Die „Unausgeglichenen“ sind friedlich, und ich glaube nicht, dass sie auch nur einer Fliege etwas zuleide tun würden.
Was wollen sie? Wie möchten sie, dass sich die Welt verändert? Ich habe mich einmal mit einer kleinen Gruppe von ihnen unterhalten, hier in Madrid. Sie sonnten sich, lagen im Gras im Parque de Debod, neben dem kleinen ägyptischen Tempelchen, und blickten unter einem klaren Himmel auf den Parque del Oeste zu ihren Füßen.
Zunächst musterten sie mich misstrauisch, wenn auch ohne Feindseligkeit. Als ich ihnen erklärte, dass ich nur ein wenig mehr darüber erfahren wollte, was sie taten, woran sie glaubten und was sie sich für die Gesellschaft wünschten, waren sie verwirrt. Schließlich, nachdem sie Blicke untereinander ausgetauscht hatten, nickten sie. Einer fragte mich, ob ich von der Polizei sei. Und alle lachten, in Anbetracht meines Aussehens eines Bettlers. Wir unterhielten uns etwa eine Stunde lang, auf dem Rasen liegend – ich wie ein Urgroßvater oder Ururgroßvater, umgeben von seinen Urenkeln und Ururenkeln. Unter ihnen waren einige ausländische Jungen und Mädchen, die nur ansastzweise Spanisch radebrachen. In dieser Sprache unterhielten wir uns, ab und zu mit ein paar kurzen Sätzen auf Englisch, Italienisch oder Französisch.
Ehrlich gesagt war ich angesichts so vieler Widersprüche und Unklarheiten etwas verwirrt. Als ich später darüber nachdachte, was diese „Unausgeglichenen“ tun, kam ich zu der Überzeugung, dass sie es eher aus Instinkt als aus Überlegung tun. Bei ihnen geht es nicht um Ideen, die in der heutigen Welt so völlig an Wert verloren haben, sondern um Impulse, Absichten, Handeln. Was mir am deutlichsten wurde, worin sie sich alle einig sind: Unser System lässt den Menschen keine Zeit, die sie verschwenden könnten. Sie setzen sich leidenschaftlich für die Muße ein. Zeit zu verschwenden, wie sie es tun – dort, im Gras liegend –, erscheint ihnen als großes Privileg, denn das ist in der heutigen Welt eine Seltenheit. Nichts tun, einfach nur da sein, träumen, die laue Sonne genießen, singen oder Witze erzählen. „Das ist Leben“, erklärte einer von ihnen. „Und nicht den ganzen Tag damit verbringen, am Computer herumzuklicken, umgeben von Wänden und Langeweile.“ „Es kann nicht alles nur Arbeit sein, es gibt andere Dinge, die wir schätzen sollten“, fügte ein rothaariges Mädchen überzeugt hinzu. Die anderen nickten zustimmend.
Als ich sie fragte, wie sie sich ernährten, wie sie ihren Lebensunterhalt bestritten, zeigten sie sich überrascht, als handele es sich um etwas Unwichtiges. Sie erledigten manchmal kleine Arbeiten und teilten untereinander alles, was sie hatten, sagten sie mir. Einige hatten es geschafft, staatliche Renten zu beziehen. Auf jeden Fall teilten sie ihre Einnahmen und Ausgaben untereinander auf. Außerdem aßen sie nicht viel, und natürlich gehörte alles allen.
Dann, als ich sie fragte, warum sie sich so viele Gedanken über Cremes, Salben und Rasierwasser machten, bemerkte ich, dass sie sich unbehaglich fühlten, als hätte ich einen intimen Bereich verletzt. Nach einer sehr langen Pause murmelte einer von ihnen: „Unser Körper ist heilig, und man muss ihn pflegen.“ Für sie sind in Wahrheit die Parfümerien und Apotheken heilig. Sie fragten mich, ob ich mir nichts gegen die Sonne aufgetragen hätte, und als ich ihnen sagte, dass ich das nicht getan hätte, dass ich niemals Sonnenschutzcremes benutzte, waren sie empört. Sie gestanden mir, dass sie das ganze kleine Geld, das sie mit Gelegenheitsjobs verdienten, und die Renten, die sie allein schon dafür erhielten, dass sie existierten, dafür ausgaben, sich Tabletten, Lotionen, Tonika und alles andere zu kaufen, was den Verfall von Haut, Augen und Zähnen verhindert. Auch aus ästhetischen Gründen, aber vor allem aus gesundheitlichen. Sie sagten, dass es zwar viele schlechte Dinge in unserer Zeit gebe, aber auch eine sehr gute, nämlich all das, was die Wissenschaft erfunden hat, um uns vor dem körperlichen Verfall zu schützen: Desinfektionsmittel, Stärkungsmittel, Balsame, Hydrotherapien, Thermalbäder, Massagen, ein ganzes Arsenal an Medikamenten und Naturprodukten, die – klug eingesetzt – den Menschen bis zum letzten Tag gesund, schön und bei voller geistiger Leistungsfähigkeit erhalten. Einer der Jungen, schlank und asketisch gebaut, meinte, das Wichtigste sei, immer einen reinen Magen zu haben, und die Beseitigung der Verstopfung sei der größte Ruhm der zeitgenössischen Wissenschaft. (Aber für all das braucht man viel Geld, und sie, die faul sind, haben keines: Wie sollen sie das schaffen?) Denn ein Magen, der mit der Pünktlichkeit einer Schweizer Uhr funktioniert, bewahre die Menschen davor, der Neurose zu erliegen – der Hauptursache für die Selbstmorde, die täglich in ganz Europa verzeichnet werden. Ein anderer widersprach ihm und argumentierte, wichtiger sei die Entdeckung des Gelees, das das Gedächtnis frisch und wach hält. Ein weiterer widerlegte beide und versicherte, eine noch größere Meisterleistung sei die Herstellung der Pille, die die Libido dämpft und dafür sorgt, dass es Männer und Frauen ohne sexuelle Sorgen gibt, wie in alten Zeiten.
Ich nutzte die Gelegenheit, um sie zu fragen, warum die „Unausgeglichenen“ gegen Sex seien und – zumindest viele von ihnen – Enthaltsamkeit praktizierten. Ich bemerkte, dass einige aus der Gruppe erröteten und den Blick abwandten. Schließlich ergriff die Rothaarige das Wort und erklärte mir: „Wir sind einfach für Reinheit, sowohl körperlich als auch geistig.“ „Das bin ich auch“, versicherte ich ihnen. „Aber das kann doch nicht bedeuten, dass man niemals Liebe machen darf, etwas, das so gesund und angenehm ist.“ Sie sahen mich an wie das, was ich bin: einen Höhlenmenschen. „Reicht es nicht aus, dass wir jeden Tag unseren Stuhlgang verrichten müssen?“, warf ein streitlustiger junger Mann, fast noch ein Kind, ein, der bis dahin noch nicht gesprochen hatte. „Müssen wir uns dann auch noch täglich damit beschäftigen, unser Sperma auszuscheiden?“ Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte, aber anscheinend verstanden es seine Freunde, denn sie lächelten alle, als sie das hörten, als hätte er mich besiegt. Ich erzählte ihnen, dass man uns das, als ich ein Junge war, von den Priestern einzutrichtern versuchte: dass Sex etwas Schmutziges, Hässliches und Sündhaftes sei und daher verzichtbar. Sie zuckten mit den Schultern. Keiner von ihnen praktizierte irgendeine Religion; nur ein Mädchen gestand, dass sie zwar keinem Glauben angehöre, aber auch keine Atheistin sein könne, da sie an „ein erstes Prinzip für alle Dinge“ glaube. Ihre Befürwortung der Askese war nicht von religiösem Glauben inspiriert, sondern von einer säkularen Moral oder – überraschenderweise – von Hygiene.
Ich habe noch kein eindrucksvolleres Beispiel für die Abwertung des Sex unter jungen Menschen gesehen, gerade jetzt, wo das erreicht wurde, was vor kaum einem halben Jahrhundert noch unerreichbar schien: die uneingeschränkte Freiheit, Sex auf jede erdenkliche Weise, überall und mit wem auch immer zu praktizieren. Vielleicht ist gerade diese berühmte Freiheit der Grund für seine Abwertung. Sex erregte die Menschen sehr, als er noch von Verboten und Tabus umgeben war; nachdem diese verschwunden waren, verlor er seinen Zauber, und nun ekeln sich die jungen Menschen davor. Wer hätte das gedacht!
Als ich flüsterte, dass die Menschheit verschwinden würde, wenn alle ihnen nacheifern und keusch würden, entgegnete mir einer von ihnen: „Die Wissenschaft wird das lösen, indem sie Menschen in Laboren herstellt.“ Was die Gruppe jedoch sehr amüsierte, war, dass ein anderer hinzufügte: „Und wen würde es schon interessieren, wenn wir verschwinden? Die Pflanzen und Tiere jedenfalls nicht.“
Ich fragte sie, warum man sie „Unausgeglichene“ nannte, und sie wussten es nicht. Jemand spekulierte: „Vielleicht haben uns diejenigen so genannt, die glaubten, wir seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Auch wenn sie später merkten, dass das nicht stimmte, blieb der Name bestehen. Uns … oder zumindest mir ist das egal.“ „Dieses Wort, ‚wir‘, haben wir ausgeräumt“, erklärte eines der Mädchen. „Wenn es einst eine Beleidigung war, haben wir es in eine Tugend verwandelt“, pflichtete ihr Nachbar bei.


Sie lieben Kosmetik und Medikamente, verachten Sex und sind eingefleischte Vegetarier. Der einzige Moment im Gespräch, in dem sie sich aufregten, war, als ich ihnen sagte, dass mir das Verbot, Fleisch zu essen, absurd erscheine, dass es gegen die Freiheit und die Menschenrechte verstoße, gegen das Recht auf Genuss. Das Schlimmste ist, dass der Staat oder die Regierung dieses Vorurteil unterstützt. Dass ich es als Ungeheuerlichkeit empfand, dass diejenigen, die bei einem Verstoß gegen dieses Verbot erwischt wurden, mit Geldstrafen belegt oder ins Gefängnis gesteckt wurden. Da verloren sie dann tatsächlich ihre guten Manieren. Ich sah, wie sie ihre Stimmen erhoben und gestikulierten, während sie mich kritisierten. Was wäre wohl passiert, wenn ich ihnen gesagt hätte, dass mich das Verbot von Stierkämpfen entsetzte? Man hätte mich vielleicht gelyncht. Ich entschied mich, mich zu verabschieden, bevor sie anfingen, mich zu beschimpfen. In meiner Jugend ließ sich die Rebellion der Jugendlichen von Ideen inspirieren wie dem Paradies auf Erden, der Errichtung einer egalitären Gesellschaft, der Beseitigung von Ungleichheiten, freiem Sex, Feminismus, Abtreibung und dem barmherzigen Tod (also der Sterbehilfe). Doch heute ist es das Ziel der unzufriedenen Teenager, dass sich der gesamte Planet ausschließlich von Obst und Gemüse ernährt. Wenn das keine Dekadenz ist, weiß ich nicht, wie ich es sonst nennen soll.
Das Kuriose daran ist, dass der Hass dieser „Unausgeglichenen“ auf Fleisch weniger mit der Liebe zu Tieren zu tun hat als vielmehr mit einer angeblichen medizinischen Gewissheit, die nach dem Verbot der Stierkämpfe stark propagiert wurde: dass Fleisch schädlich sei, Krankheiten verursache, den menschlichen Körper „verschmutze“, die Menschen „hässlich“ mache und Frauen und Männer „gewalttätig“ werde. Und es kursierten lächerliche Legenden, etwa dass die Fans nach dem Auszug der Stiere manchmal Menschen gelyncht hätten! (Ich wiederhole hier den Unsinn, den ich von ihnen gehört habe.) Die Vorstellung, die diese jungen Leute von Reinheit haben, ist krankhaft und neurotisch. Um diese Obsession herum haben sie alle möglichen chimärenhaften und gesundheitsbezogenen Fantasien aufgebaut.
Die „Unausgeglichenen“ wären keine Rebellen, wenn sie sich nicht von dieser perversen Tierverehrung distanzieren würden, die die ganze Welt erfasst hat. In meiner Jugend mochte ich Tiere sehr, und sogar im reifen Alter hatte ich einen Hund, dem ich Gedichte von Cernuda und García Lorca vorlas. Aber so, wie die Dinge laufen, habe ich eine gewisse Phobie gegenüber dem Tierreich entwickelt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn es uns Menschen schließlich vernichten würde. Sogar – ohne es jemandem zu sagen, schon gar nicht Osorio – sehe ich jene tierfeindlichen Kommandos, die hier und da auf der ganzen Welt auftauchen und diese terroristischen Taten gegen Hunde, Katzen, Ratten, Stinktiere, Fliegen und andere als Haustiere geltende Tiere verüben, nicht mehr mit so großer Abneigung. Neulich verurteilte ein Madrider Jugendgericht einen Zehnjährigen zu einem Jahr Haft in einer Besserungsanstalt, weil die Polizei ihn dabei erwischt hatte, wie er mit einer Schleuder kleine Steinchen auf Schwalben schoss. Ich finde es nicht gut, Schwalben zu bewerfen – oder irgendein anderes Tier, natürlich –, und habe das auch nie getan, als Schleudern noch nicht als „tödliche Waffen“ galten. Aber einen Jungen deswegen für ein Jahr in eine Besserungsanstalt zu schicken, halte ich für einen Akt dummen Sektierertums. Und ich fand es grotesk, dass der Richter die Schwalben – gemäß der üblichen Formulierung – als „warmblütiges Lebewesen, dessen Recht auf Leben respektiert werden müsse“ bezeichnete.
Was meine Sympathie für Tiere stark schmälerte, war die Aussage der Tierärzte, dass Ratten heutzutage keine Krankheiten mehr übertragen, dass es der Wissenschaft gelungen sei, alle Keime und Mikroben, die sie früher in sich trugen, auszurotten, und dass sie daher in die Kategorie der Haustiere übergehen würden, wie es so viele Tierschutzverbände forderten. Ich hatte Albträume und habe sie immer noch, denn ich habe diese schrecklichen Nagetiere schon immer verabscheut. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich daran denke, dass sie heute in so vielen Häusern leben, von ihren Besitzern gefüttert und verwöhnt werden, die ihnen das Futter in den Mund geben und sie zweifellos in ihr Bett nehmen, damit sie in den Winternächten nicht frieren. Zum Glück ist es nicht gelungen, den Katzen ihren mörderischen Instinkt gegenüber Nagetieren auszutreiben – sie reißen diese weiterhin auf, sobald sie in ihre Reichweite kommen. Es lebe die Katze! Wegen der Ratten gehe ich an schönen Morgen nicht mehr im Retiro spazieren, was ich früher so geliebt habe. Sie haben diesen wunderschönen Park in Beschlag genommen; sie sind überall und klettern auf Bäume, baden im Teich, setzen sich den Spaziergängern an die Füße und wedeln mit ihren braunen Schwänzen, damit man ihnen Futter gibt. Und man muss sie behutsam verscheuchen, damit die Parkwächter einen nicht zur Rede stellen oder einem ein Bußgeld auferlegen, weil man rücksichtslos gegenüber diesen „warmblütigen“ Mitgeschöpfen ist. Welches Blut ist denn nicht warm?
Deshalb war ich, als die Füchse in Madrid einmarschierten, wohl einer der wenigen Anwohner, die keine Angst hatten, sondern sich vielmehr freuten, dass sich Rudel dieser Kaniden in allen Parks, Alleen und Promenaden Madrids niedergelassen hatten. Solange diese silberfarbenen Einwanderer hier lebten, verschwanden die Ratten aus den Straßen der Stadt: Entweder versteckten sie sich, oder die Füchse fraßen sie auf. Osorio war einer der verängstigtesten Anwohner und gehörte zu denen, die an der Puerta del Sol gegen die Kampagnen all jener NGOs demonstrierten, die Slogans wie „Willkommen, Brüder Füchse, in Madrid“, „Madrid, Heimat der Füchse“ usw. verkündeten, um die Eindringlinge dazu zu bewegen, in der Stadt zu bleiben, und diese so herzurichten, dass sie ihnen dauerhaften Unterschlupf bieten konnte. Mich störte die Anwesenheit der Füchse in der „Villa y Corte“ überhaupt nicht. Das Einzige, was mir unangenehm war – das gebe ich zu –, war der Geruch von Fuchsurin: Er ist durchdringend und durchdrang in jenen Tagen die Luft Madrids. Er vermischte sich mit meinen eigenen Gerüchen und war einfach ekelhaft. Fuchsurin stinkt furchtbar, und in jenen Wochen sah man viele Menschen auf der Straße, die würgten oder sich übergaben, weil ihnen der üble Geruch, der alles durchdrang, zu schaffen machte. Nach einer Weile verschwanden die Füchse wieder, ebenso geheimnisvoll, wie sie gekommen waren. Und die verdammten Ratten kehrten nach und nach in die Stadt zurück.
Osorio sagt, dass man sich mittlerweile nach diesen Tieren sehnt – ein weiterer Meilenstein der heutigen Weltkultur, die alle Grenzen des Vorstellbaren sprengen wird. Neulich schwor er mir, dass es bereits in verschiedenen Städten Initiativen und Stiftungen gibt, die fordern, dass gemischte Ehen zwischen Menschen und Tieren zugelassen werden. Vielleicht hat er mich auf den Arm genommen, denn er hat mir keine greifbaren Beweise dafür geliefert, dass diese Institutionen existieren. Aber wenn es sie noch nicht gibt, werden sie schon noch auftauchen. Es wird amüsant sein, der ersten Hochzeit zwischen einem Mann und einer Hündin oder zwischen einer Frau und einem Affen beizuwohnen. Und es wird noch amüsanter sein, wenn sie nicht nur im Rathaus, sondern auch in einer Kirche gefeiert wird, begleitet von den Klängen des Hochzeitsmarsches.
Als ich ihm von meinen Erfahrungen mit den „Unausgeglichenen“ erzählte, scherzte Osorio, dass eines Tages eine Gruppe fanatischer Vegetarier das illegale Restaurant in Brand stecken würde, in dem er und ich einmal im Monat einen ordentlichen Ochsenschwanz oder ein blutiges Steak verschlingen. Ich glaube, dank des Verbots genießen wir Fleischesser unsere Fleischgelage heute viel mehr. In dieser Hinsicht hat sich die menschliche Natur kein bisschen verändert. Das Risiko, das Tabu, die Verbote, die irgendetwas umgeben, machen es unendlich begehrenswerter und attraktiver. Ein Freund von mir, ein heimlicher Raucher, sagte mir vor einiger Zeit genau dasselbe: Dass er und seine Freunde die heimlichen Rauchertreffs jetzt viel mehr genießen, da sie wissen, dass sie wegen der Zigaretten, die sie rauchen, ins Gefängnis kommen könnten – viel mehr als früher, als sie sie überall ohne jedes Risiko rauchen konnten.
Osorio verteidigt die „Unausgeglichenen“, und ich glaube, er tut dies aus Überzeugung und nicht, um seinem Lieblingssport nachzugehen, nämlich mir zu widersprechen. Seiner Meinung nach begeistern die alten Ideale der sozialen Gerechtigkeit und der egalitären, perfekten Gesellschaften die neuen Generationen einfach nicht mehr, denn das, was an ihnen realisierbar war, ist bereits Teil des modernen Lebens. Und das, was nicht realisierbar war – das, was diese Ideale an Chimärenhaftem und Unmöglichem bargen –, begeistert sie nicht, sondern stößt sie eher ab, denn, erzogen im „Realismus“, der vorherrschenden Tendenz unserer heutigen Kultur, sind sie pragmatisch und wollen ihre Zeit und Energie nicht mit Dingen verschwenden, die sie niemals erreichen werden – mit den Folgen, die das Streben nach der perfekten Gesellschaft in der Vergangenheit hatte: Bürgerkriege, blutige Revolutionen und Ungerechtigkeiten, die schlimmer waren als die, die man eigentlich beseitigen wollte. Laut Osorio zeugen die jungen Menschen von heute von großer Vernunft und sogar Weisheit, wenn sie die Sehnsucht nach einer perfekten Welt durch etwas Menschlicheres ersetzen – eine Welt, in der junge Menschen pünktlich ihren Magen entleeren und nicht unter der Qual der Akne leiden müssen. Ich lobte ihn für diesen Scherz, doch wenige Augenblicke später überkam mich große Traurigkeit, als mir klar wurde, dass er keinen Scherz gemacht hatte.
Als ich ihm sagte, dass es mir wie ein merkwürdiges Paradoxon erscheine, dass die Jugendlichen begonnen hätten, Sex zu verachten – also genau das zu verwirklichen, was uns die Priester einhämmern wollten, als wir jung waren (obwohl viele Priester ihn heimlich von vorne und von hinten praktizierten, vor allem von hinten), gerade jetzt, wo die Religionen anfangen, wie Lederschuhe zu schrumpfen –, korrigierte mich Osorio: „Die Kirchen schrumpfen, nicht die Religion.“ Ich musste ihm Recht geben.
Ich war an einem Punkt angelangt, an dem Osorio und ich uns meist einig waren: Waren wir frei oder bloße Automaten? George Orwell hatte dieses Problem nicht erlebt, denn er schrieb in Zeiten des wildesten Stalinismus und bekämpfte diesen ohne zu zögern in großartigen Büchern wie „Animal Farm“ und „1984“, als der Linke, der er immer war, als Verfechter einer demokratischen Linken, falls es so etwas überhaupt jemals gegeben hat. Er war ein Sozialist, der keiner war, der unter dem Deckmantel seines demokratischen Sozialismus den demokratischen Kapitalismus verteidigte, denn er wusste sehr wohl, dass ohne freie und private Unternehmen keine Freiheit überleben kann und dass, wenn der Staat die Produktion von Gütern und die Beschäftigung kontrolliert, früher oder später der altbekannte Kommunismus Einzug hält – und mit ihm Totalitarismus und Armut. Deshalb ist die Sowjetunion untergegangen und die Volksrepublik China hat sich in eine kapitalistische Diktatur der Kumpane verwandelt. Denn in China gibt es zwar private Unternehmen mit millionenschweren Unternehmern, die alle Lügen des Regimes schlucken, doch dieses Regime ist eine Karikatur des Kapitalismus, und der Mangel an Freiheit wird es früher oder später ersticken.
In welchem Regime leben wir jetzt? Das lässt sich unmöglich sagen, aber sicher ist, dass wir in einer systematischen Lüge leben. Die Wirtschaft funktioniert dank privater Unternehmen und der Marktwirtschaft, dank des Wettbewerbs, natürlich. Aber sind wir frei? Weder ich noch Osorio glauben das, auch wenn er es manchmal glaubt. Dieses Gefühl habe ich, seit die Zeitungen verschwunden sind. Es stimmt, dass an fast jeder Ecke Bildschirme stehen, auf denen den ganzen Tag Nachrichten laufen, und die scheinbar Unternehmen repräsentieren, die unterschiedliche Ideologien und Systeme vertreten. Ist das wahr? Er und ich haben den Eindruck, dass dies nicht der Fall ist, dass hinter den vermeintlichen Unterschieden die Bildschirme eine einzige Wahrheit vertreten – eine streng gehütete Lüge –, dass sie sich alle in ihrem geheimsten Kern darauf einigen, ein System zu verteidigen, in dem Regierung und Unternehmen, wie es damals in China der Fall war, im Grunde darin übereinstimmen, gemeinsam zu lügen und Meinungsverschiedenheiten vorzutäuschen, die in Wahrheit nur oberflächlich sind, denn es besteht ein grundlegendes Einvernehmen darüber, dieses System aufrechtzuerhalten, das alle täuscht, da es recht gut zu funktionieren scheint: Es gibt Arbeit, Renten, Medikamente und Bildung für alle sowie eine Freiheit, die nichts weiter als ein Nebelkerzenvorhang ist, erfunden von jener Spitzentechnologie, die alle bei Laune hält. Männer und Frauen sind ungebildet und werden fast vollständig manipuliert, da die Kultur verschwunden ist – oder besser gesagt: in bloße Unterhaltung umgewandelt wurde. Mit anderen Worten: Wir sind mehr oder weniger glückliche Sklaven, die mit ihrem Schicksal zufrieden sind. Orwell hätte sich nicht vorstellen können, dass dies die Entwicklung jenes „freien Sozialismus“ sein könnte, den er sich ausgemalt hatte und der schlichtweg unmöglich war. Denn nun haben wir unsere Freiheit verloren, ohne es zu merken, und – was noch schlimmer ist – wir sind zufrieden und glauben sogar, frei zu sein. Was für Idioten!


Ist es nicht seltsam, dass unter diesen Umständen das Interesse am Sex nachgelassen hat, während seine große Feindin – diejenige, die am meisten dafür getan hat, ihn aus unserem Leben zu verbannen, zumindest theoretisch –, die katholische Kirche, Gläubige, Katechumenen und Priester verliert, bis sie in einigen Ländern zu einer Art Briefmarkenverein geworden ist? Wir haben oft mit Osorio darüber diskutiert, warum die großen Kirchen – und jene fanatischen Terroristen, die sie mit Bomben und Morden auslöschen wollten – in unserer Zeit immer mehr in den Hintergrund treten, denn was mit dem Katholizismus geschieht, gilt auch für das Judentum, den Protestantismus, die orthodoxe Kirche und sogar für die östlichen Religionen wie den Islam (in seinen beiden Zweigen) und den Buddhismus: Sie verlieren Gläubige, an Bedeutung, sie verkümmern, so sehr, dass viele glauben, sie würden schließlich aussterben. Nachdem sie so großen Einfluss auf die Geschichte hatten und diese tief geprägt haben, verschwinden die Kirchen nun nach und nach, ohne dass sie jemand angreift, und obwohl alle Regierungen sie subventionieren und niemand ihnen feindlich gesinnt ist, denn jene ferne Beobachtung von Nietzsche ist Wirklichkeit geworden: Gott ist tot, und es interessiert niemanden, denn Männer und Frauen haben endlich gelernt, ohne Gott zu leben. Er war auch ein Produkt der Kultur, und da sich diese in Unterhaltung verwandelt hat, haben wir gar nicht bemerkt, dass die alten Götter durch Tischfußball, Bilder auf dem Bildschirm, Zirkusse, Zeichentrickfilme und vor allem durch die Werbung und ihre vielfältigen Erscheinungsformen ersetzt wurden, die langsam gar nicht mehr wie Werbung wirken.
Ich vermute, dass die katholische Kirche ihren Todesschein selbst unterzeichnet hat, als sie begann, sich zu modernisieren, als diese Bastion des Machismo und Konservatismus, der Intoleranz und des Dogmatismus, die sie einst war, anfing, nachzugeben, Risse zu zeigen und Zugeständnisse an progressive Priester und Laien zu machen. Diese setzten sich zwar durch, doch statt der von ihnen geforderten Modernisierung unter dem Schlagwort „Aggiornamento“ versetzten sie der Kirche den Todesstoß. Mit anderen Worten: Der Schuss ging nach hinten los. Es schien unmöglich, und doch geschah es: Die Kirche begann, Frauen zu ordinieren und zu Bischöfinnen zu ernennen, sie erlaubte Priestern, wie protestantische Pastoren zu heiraten, und der Papst selbst vollzog eine gleichgeschlechtliche Trauung in der Petersbasilika. Meine arme Mutter, möge sie in Frieden ruhen, stieß einen herzzerreißenden Schrei aus und verlor das Bewusstsein, als sie diese Nachrichten hörte und die Szene auf dem digitalen Bildschirm sah. Sie fiel aus dem Rollstuhl auf den Boden. Arme alte Dame. „Das waren unverzichtbare Fortschritte, um sich der Zeit anzupassen“, sagt Osorio. „Hätten sie das nicht getan, wäre die Kirche zu welken begonnen wie eine Rose, die lange Zeit der Sonne ausgesetzt war.“ Ist das nicht genau das, was passiert ist?
Auch in diesem Punkt stimme ich ihm natürlich nicht zu. Die Menschen mochten die Kirche, weil sie nicht dem Leben ähnelte, nicht der Gesellschaft, wie sie ist, sondern weil sie das Gegenteil des Daseins in diesem Jahrhundert verkörperte. Innerhalb der Kirche fühlte man sich bereits in einer anderen Welt, einem Bereich, der weit entfernt war vom Alltag. Es war eine schöne Illusion, bestehend aus Riten, Gesängen, Weihrauch und lateinischen Sätzen, die den Gläubigen – da sie sie nicht verstanden – weise und himmlisch erschienen, als Anspielungen auf ein vollkommenes, heldenhaftes Leben, geprägt von Reinheit, Unschuld und innerem Frieden. Heute ist die Kirche kein Zufluchtsort mehr: Sie ist eine Fortsetzung des Alltags, in der fast alles erlaubt ist, in der es keine Tabus und keine unumstößlichen Dogmen mehr gibt. Die Kirche hat ihr Geheimnis verloren und ist nicht mehr interessant, denn sie ähnelt jenen politischen Parteien, an die niemand mehr glaubt, den Studentenverbindungen oder den Fußballvereinen. Als der Vatikan feststellte, dass es den Limbus nicht gibt, nahmen die Dinge für sie eine unerwünschte Wendung. Die Abschaffung der Hölle beruhigte natürlich viele sündige Gläubige, enttäuschte jedoch andere, die davon träumten, dass ihre Feinde, die sie misshandelt und ausgebeutet hatten, ewig in den Flammen Beelzebubs brennen würden. Ohne Flammen und ohne Beelzebub verlor das Jenseits für eine große Zahl von Gläubigen erheblich an Reiz. Nun heißt es, der Vatikan werde auch erklären, dass der Himmel lediglich als etwas Symbolisches und Metaphorisches existiert habe, in Wahrheit aber ebenfalls nicht in einem greifbaren und materiellen Sinne existiere. Arme christliche Märtyrer! Sie ließen sich auf der Folterbank zerreißen, von wilden Tieren zerfleischen, lebendig verbrennen, um die Grundsätze und Wahrheiten des christlichen Glaubens zu verteidigen – und nun stellt sich heraus, dass weder die Hölle noch der Limbus noch der Himmel existieren. Wozu und wem hätte die Kirche unter diesen Umständen noch dienen können?
Nun sollte ein Punkt geklärt werden, auf den Osorio sehr viel Wert legt – und das meiner Meinung nach zu Recht. Der Niedergang der großen Kirchen hat die Religiosität nicht ausgelöscht. Sie ist lediglich auf beschämende Weise verflacht und verroht. Nun, da niemand mehr an Priester glaubt, glauben die Menschen stattdessen an Hexer, Zauberer, Schamanen, Wahrsager, Handleser, Heilige, Hypnotiseure, all diese Bande von Lügner und Betrügern, die ihren leichtgläubigen Kunden für ein paar Pesos weismachen, dass es eine andere Welt gibt und dass sie diese kennen, dass die Zukunft vorbestimmt und durch das Lesen von Kaffeesatz, Kokablättern, das Kartenlegen oder eine Kristallkugel entschlüsselbar ist. Was ernsthafte Religionen einst mit Eleganz, Schönheit und intellektueller Komplexität taten, ist heute das Monopol und die Geldquelle von Gaunern, zweitklassigen Zauberern und Analphabeten. Das heißt, in Zeiten höchster wissenschaftlicher und technologischer Modernität kehren wir zum Heidentum zurück, zur primitiven Zauberei. Dorthin hat uns die Kultur unserer Zeit geführt. Und dieser Trottel Osorio nennt das Fortschritt.


Und dabei wachte ich plötzlich auf. Ja, ich war aufgewacht. Es war stockfinstere Nacht, und der Himmel hatte sich in ein Meer aus Sternen verwandelt. Ich saß auf der Steinbank auf der Plaza de Oriente, und zu meiner Rechten, direkt vor mir, lag das Teatro Real, hinter mir der Palast und vor mir die kleine Gasse mit den Restaurants und dem Hintereingang des Theaters, durch den die Angestellten und – wenn Proben stattfanden – die Schauspieler, Schauspielerinnen und Musiker hereinkamen. Ich wusste ganz genau, dass ich, wenn ich diese kleine Gasse hinunterging, an der Ecke rechts die Plaza de Isabel II finden würde und dass von dort aus die kleine Gasse zu meinem Zuhause begann. Sie hieß natürlich Calle de la Flora. Die Hausnummer eins war die meines kleinen Zimmers mit Bad im Dachgeschoss. Ich war weder aufgeregt noch traurig. Jetzt erinnerte ich mich daran, dass diese kurze Gasse die zu meinem Haus führte und dass sie natürlich, ganz klar, und ich wiederhole es noch einmal: die Calle de la Flora hieß. Sie ist sehr kurz. Mein Haus lag an der nächsten Ecke, an der Kreuzung mit der Calle Hileras, genau dort, wo der kleine Platz San Martín beginnt, der sich später zur Plaza de las Descalzas hin öffnet und verbreitert. Dort befindet sich eines der ältesten Klöster Madrids, voller Gemälde, das nur sonntags für die Öffentlichkeit zugänglich ist und vor dem sich immer eine lange Schlange von Menschen bildet, die hineingehen wollen.
Meine Erinnerung war zurückgekehrt. Ich erinnerte mich daran, dass ich, wenn ich aufstehen und diese beiden Straßen entlanggehen würde, mein Haus betreten könnte, nachdem ich einen ganzen Tag damit verbracht hatte, danach zu suchen. Nichts davon begeisterte oder erfreute mich. Ich wusste, dass es so kommen würde. Ich hatte zweifellos große Angst gehabt und gedacht, ich würde auf der Straße sterben wie ein streunender Hund. Aber jetzt war ich ruhig. Ich saß weiterhin da. Wie spät war es wohl? Um mich herum waren nicht viele Leute. Wahrscheinlich würde ich auf der Plaza de Isabel II ein paar Betrunkene antreffen. Ich stand noch nicht auf.
Ich dachte: „War das ein verlorener Tag?“ Nein, das war er nicht gewesen. Ich hatte den Tod zweifellos näher gespürt als je zuvor, während ich um diesen Platz herumging und ahnte, dass mein Zuhause hier in der Nähe war. Jetzt hatte ich mein Gedächtnis wiedererlangt. Nachdem ich geschlafen und mich erholt hatte, würde ich Osorio anrufen und ihm von diesem Abenteuer erzählen. Ich hatte den Tod näher gespürt, aber es war keine Zeitverschwendung gewesen. Jetzt wusste ich, dass ich mein Zuhause – nun ja, mein Zimmerchen – nie wieder verlassen würde, ohne einen Zettel mit meinem Namen und meiner Adresse dabei zu haben, sowie mit der Anweisung, dass man, falls ich tot aufgefunden würde, Osorio benachrichtigen solle, dessen Telefonnummer und Adresse ich auf denselben Zettel schreiben würde.
Ich atmete ohne Schwierigkeiten, mir war weder kalt noch hatte ich Hunger oder Durst. Ich fühlte mich weder glücklich noch traurig. Es war ein Abenteuer gewesen. Ein neues Abenteuer. Und auch eine Lektion. Ich könnte mein Gedächtnis verlieren und einen ganzen Tag damit verbringen, nach meinem Zuhause zu suchen, ohne es zu finden. Ich würde Vorsichtsmaßnahmen treffen, immer diesen Zettel bei mir tragen, auf dem mein Name, meine Adresse und Osorios Telefonnummer standen. Das hatte ich gelernt. Das hatte ich gewonnen.
Ich stand mit einiger Mühe auf. Mir war ein wenig kalt. Nichts Ernstes. Ich wusste, dass ich laufen konnte, allerdings langsam, die Beine ausstreckend – das rechte, das linke –, dabei spürte ich einige Krämpfe – das rechte, das linke –, aber mit der Zuversicht, die mir das wiedergewonnene Gedächtnis gab und dem Wissen, genau zu wissen, wo mein Zuhause war. Ich würde dorthin gelangen, die fünf Stockwerke langsam hinaufsteigen, ohne mich aufzuregen, meine Hose mit Seife und Bleichmittel waschen und mich dann hinlegen, ruhig, im Bewusstsein, eine neue Erfahrung überstanden zu haben, die mich dem Tod ein kleines Stück nähergebracht hatte. Das sagte ich mir selbst, ohne Traurigkeit oder Wut, mit dieser neuen Gelassenheit: zu entdecken, dass ich mein Gedächtnis verlieren und mein Zuhause nicht finden könnte, nicht wüsste, wer ich war, und einen ganzen Tag damit verbringen würde, mich zu erinnern. Jetzt wusste ich, wer ich war und wo mein Zimmer und mein kleines Bad waren. Ich machte mich auf den Weg, ohne mich zu beeilen, ruhig, wie ein Mann, der hinausgegangen ist, um sich die Beine zu vertreten, und nun schon wieder nach Hause zurückkehrt. „Zu meinem kleinen Zuhause“, dachte ich liebevoll. Und ich spürte, wie mir ein paar Tränen über das Gesicht liefen. (Ich wiederhole, dass ich mit den Jahren sehr weinerlich geworden bin.)
Die kleine Gasse vor dem Nebeneingang des Teatro Real kenne ich sehr gut. Die meisten Restaurants hatten bereits geschlossen, aber eines war noch geöffnet, und zwei Paare saßen an den Tischen draußen und bezahlten die Rechnung. Als ich langsam an ihnen vorbeiging, wünschte ich ihnen eine gute Nacht. Sie antworteten schweigend mit einem Nicken.
Ich hatte Angst zu stürzen und machte deshalb sehr kleine Schritte. An der Ecke angekommen, bog ich nach rechts ab und weniger als eine Minute später war ich auf der Plaza de Isabel II, die noch gut beleuchtet war. Ich atmete erleichtert auf. Dort bot sich mir das gewohnte Bild: die Taxischlange, die Fahrer, die in Gruppen standen und rauchten oder sich unterhielten, ein sehr junges Pärchen, das auf einer Bank saß und sich liebkoste, die beiden geschlossenen Zeitungskioske und an der Einmündung der Calle Arenal, die zur Puerta del Sol führte, ein einsames Hündchen, das versuchte, sich in den Schwanz zu beißen. Zu seiner Linken verlief die Straße, die zu meiner Wohnung führte – nun ja, zu meinem kleinen Zimmer mit Bad. Ich sagte mir noch einmal, dass ich die Treppe ganz langsam hinaufsteigen würde, ohne mich zu verausgaben, auch wenn ich mich auf jeder Treppenstufe eine Weile hinsetzen müsste. Sie hieß Calle de la Flora. Wie hatte ich sie nur vergessen können? Ich ging langsam die Straße entlang, ganz selbstbewusst, und hatte das Gefühl, mich den ganzen Tag lang bei der Suche nach meinem Zuhause lächerlich gemacht zu haben. Da war sie, am Ende der Straße. Ich hatte mein Selbstvertrauen zurückgewonnen. Ich hatte über vieles nachgedacht. Und natürlich große Angst gehabt.
Diese Angst überkam mich erneut, als ich an der Ecke ankam, wo die Calle de la Flora auf die Calle de Hileras trifft und an die winzige Plaza de San Martín grenzt, die zu sich zur Plaza de las Descalzas öffnet, und wo ich beim Abtasten meiner Taschen feststellte, dass ich auch den Schlüssel nicht dabei hatte, der das große Tor der Hausnummer Eins öffnet, wo ich wohne. Ich spürte erneut den Anflug von Angst, der mich den ganzen Tag begleitet hatte. Würde ich den Rest der Nacht hier auf dem Boden sitzend verbringen und darauf warten, dass jemand auftauchte, der in diesem Gebäude wohnte? Doch ich hatte Glück. Nach nur zehn oder fünfzehn Minuten des Wartens tauchte ein Herr mit einem Spazierstock auf, den ich vage wiedererkannte. Er blieb neben der Tür stehen, holte einen Schlüssel hervor und öffnete sie.
Ich ging auf ihn zu und sagte: „Endlich sind Sie da. Ich habe meinen Schlüssel vergessen. Lassen Sie mich bitte herein?“ Der Mann – er war schon etwas älter – sah mich misstrauisch an. „Ich wohne hier“, versicherte ich ihm. „In einer der kleinen Dachwohnungen. Ich bin den ganzen Tag gelaufen. Ich bin sehr müde. Ich bitte Sie, mich hereinzulassen.“ Der Mann nickte, öffnete mir die Tür und trat beiseite, damit ich zuerst eintreten konnte. Als ich in dem langen, mit Pflastersteinen ausgelegten Flur stand, bedankte ich mich noch einmal überschwänglich bei ihm. Der Mann ging ebenfalls nach links, also nicht zu den Büros der Buchhalter, die sich rechts befinden, sondern zur gegenüberliegenden Tür. Er war sehr freundlich. Er öffnete die kleine Aufzugstür mit einem anderen Schlüssel und fragte mich mit einer Geste, ob ich mit ihm hochfahren wolle. Ich nutzte die Gelegenheit und stieg ein. Wir, die auf dem Dach wohnen, dürfen den Aufzug eigentlich nicht benutzen. Das war wirklich eine Überraschung. Der Herr wohnte im dritten Stock, und von dort aus sind es für mich nur noch zwei Stockwerke bis zu meinem kleinen Zimmer.
Ich stieg diese Treppe ganz langsam hinauf und hielt auf jeder Stufe ein paar Sekunden inne, beflügelt von einer innigen Freude, die jedoch meinen Herzschlag dämpfte; durch die Anstrengung schlug mein Herz sehr heftig. Ich spürte es in meiner Brust, die angeschwollen war und übermäßig stark schlug. Vage schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich an einem Schwächeanfall sterben könnte, bevor ich mein Zimmerchen und mein Badezimmer erreichte.
Ich stieg die restlichen Stufen in Zeitlupe hinauf. Ganz langsam. Ich setzte einen Fuß auf die obere Stufe und konnte kaum glauben, dass es mir so viel Mühe bereitete, mich auf die nächste Stufe zu hieven. Als ich auf dem Dach ankam, atmete ich ruhiger. Wenn ich hier einen Schwächeanfall bekäme, wäre es mir egal. Die Leute, die Nachbarn, kannten mich, sie könnten die Polizei benachrichtigen und sogar Osorio, der mich schon ein paar Mal abgeholt hatte. Ich atmete ruhiger und als ich an der Tür meines kleinen Zimmers ankam, entdeckte ich, dass er dort hing, an der Tür: der Schlüssel. Genauer gesagt, der Schlüsselbund mit dem Schlüssel, der das Eingangstor des Gebäudes und die kleine Tür zu meinem Zimmer öffnet. Ich war an diesem Morgen so in Eile gewesen, dass ich vergessen hatte, diese Schlüssel mitzunehmen, denn ich hatte sie dort hängen lassen, wo sie noch immer waren. Ich hatte einen Moment des Glücks, als ich spürte, dass dieser Schlüssel die Tür öffnete und ich – endlich, endlich – mein Zimmerchen betrat.
Es ist sehr klein und voller Bücher und Papiere. Aber sehr sauber und aufgeräumt, das schon. Ich fege und räume es jeden Morgen auf, bevor ich hinausgehe, um meinen kleinen Kaffee zu trinken und mit Osorio zu plaudern. Ich mache immer das Bett und gebe die Bettwäsche jede Woche in die Wäsche; die Decke nicht, die nur alle zwei Wochen. Das Gleiche mache ich mit meinem kleinen Badezimmer, mit seiner Dusche, dem Waschbecken und der Toilette, das ich auch heute Morgen geputzt, gefegt und entstaubt abe, wie ich es jeden Tag tue, nachdem ich geduscht habe, wobei ich mich sorgfältig einseife, vor allem den Hintern, der bei den ständigen Winden des Tages fast immer schmutzig ist. Und heute Abend, nach all den Blähungen, die ich den ganzen Tag über hatte, musste es wohl schmutziger sein als sonst.
Deshalb machte ich, kaum dass ich hereinkam, das Licht an und stellte zufrieden fest, dass mein Zimmer sauber und aufgeräumt war; ich ging ganz langsam ins Badezimmer, da ich immer noch aufgeregt war, zog meine Schuhe und meine Hose aus. Es war eine langwierige Angelegenheit, denn ich war immer noch sehr müde und mein Herz pochte wie wild in meiner Brust.
Als ich feststellte, dass meine Unterhose voller Kacke war, überkam mich große Traurigkeit. Ich hatte natürlich die Blähungen gespürt, aber nicht, dass mir die Scheiße herauslief. Die Unterhose war übergelaufen und hatte meine Beine beschmutzt. Ich war vom Hintern abwärts zum „Kack-Mann“ geworden. Ich empfand großen Ekel vor mir selbst. Doch anstatt wie ein Idiot dazustehen und mich über diese kleine Katastrophe zu beklagen, zog ich die Unterhose aus, schüttete den gesamten Kot in die Toilette und spülte. Das funktionierte sehr gut, und sobald der Kot verschwunden war und die Toilette wieder blitzsauber war, drehte ich die Dusche auf, wartete, bis lauwarmes Wasser herauskam, und duschte mich, wobei ich meine Beine und meinen Hintern sorgfältig reinigte, bis ich mich ein- und zehnmal vergewissert hatte, dass sowohl mein Hintern als auch meine Beine makellos sauber waren. Dann wusch ich die Unterhose unter der Dusche mit Seife und Bleichmittel, bis auch sie sauber war, und hängte sie mit ein paar kleinen Haken an die Duschstange, damit sie trocknen konnte. Danach trocknete ich mich sorgfältig ab, spürte, wie ich einschlief, und gähnte unaufhörlich.
Ich ging in mein Zimmer und zog nicht den Schlafanzug an, der gefaltet unter meinem Kopfkissen lag. Ich war sehr müde, aber froh, geduscht und meine Beine von all dem stinkenden Dreck befreit zu haben, der sie stundenlang verschmutzt hatte, ohne dass ich es bemerkt hatte.
Ich trocknete mir beharrlich den Kopf ab, fuhr mir immer wieder mit dem Handtuch durch die Haare und erinnerte mich einmal mehr daran, dass mein Opa mir in längst vergangenen Zeiten immer gesagt hatte, es sei nicht gut, mit nassem Kopf zu schlafen, weil ich sonst verrückt werden könnte. Und der alte Mann legte einen Finger an die Schläfe und lachte, wobei er Napoleon nachahmte, der offenbar auf St. Helena den Verstand verloren hatte. Es ist eine der wenigen Erinnerungen an meine Kindheit, an jene Kindheit, die sich aus meinem Gedächtnis gelöscht hat – abgesehen von der Erinnerung daran, dass ich glücklich war, solange ich noch nicht wusste, auf welch schreckliche Weise Frauen schwanger werden und Kinder zur Welt bringen. Solange ich glaubte, man würde sie nach Paris schicken und die Störche würden sie bringen, war ich glücklich. Ich glaube, als ich die Wahrheit erfuhr, war ich nie wieder glücklich.
Schließlich kroch ich ins Bett, deckte mich gut zu, rollte mich zusammen und machte das Licht aus.
Fast augenblicklich setzte das ein, was man eine beschleunigte Tachykardie nennt. Doch was mir Angst machte, war nicht das Herz, sondern der Schweiß. Es war nicht warm, eher kühl oder kalt – es war Spätherbst, die schönste Zeit in Madrid –, und ich war schweißgebadet. Ich wischte mir das Gesicht mit den Händen ab, dann mit dem Taschentuch und schließlich mit dem Laken selbst; doch es war vergeblich, denn der Schweiß trat fast sofort wieder hervor und benetzte erneut meine Stirn und meinen Nacken, und nun spürte ich, wie er herunterlief und auch meine Brust, meinen Rücken und sogar meine Beine erfasste. Was war nur los mit mir? Ich dachte sofort daran, Osorio anzurufen, doch der Gedanke, dass es schon sehr spät war und mein Freund normalerweise sehr früh ins Bett ging, hielt mich davon ab. Was sollte ich ihm denn sagen? Dass ich Herzrasen hatte und schwitzte? Er würde mich auslachen. „Ich habe meine Adresse vergessen und habe den ganzen verdammten Tag damit verbracht, sie zu suchen, bis vor einem Moment. Ich habe meine mit Scheiße verschmierte Unterhose gewaschen, geduscht, mich hingelegt und jetzt habe ich Herzrasen und bin schweißgebadet.“ Osorio würde mir mit irgendeinem Witz antworten: „Und dafür weckst du mich wegen so einem Quatsch auf?“
Statt ihn anzurufen, rollte ich mich zusammen; ich versuchte, den Schweiß zu vergessen, zog mich so weit zusammen, bis meine Knie mein Kinn berührten, und wartete darauf, dass der Schlaf kam. Doch stattdessen schlug mein Herz immer schneller. Um atmen zu können, musste ich den Mund die ganze Zeit offen halten. In der Dunkelheit des kleinen Zimmers dachte ich verängstigt: „Werde ich sterben?“ Das hatte ich schon oft gedacht, vor allem in letzter Zeit, jedes Mal, wenn ich mich unwohl fühlte. Aber das war immer wieder vorbeigegangen, vor allem, wenn ich einschlief. Jetzt schlug mein Herz weiter wie eine Trommel in meiner Brust, und ich hielt den Mund offen, um atmen zu können, denn ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Außerdem hatten die Schmerzen in der Brust, der Schulter und dem rechten Arm eingesetzt. Sollte ich Osorio anrufen? Würde ich ihn wecken? Ich dachte, ich würde sein spöttisches Kichern hören: „Stirbst du etwa, Bruder?“ Und so hielt ich mich zurück.
Jetzt tat mir nicht nur die Brust weh, sondern auch die Schulter und der linke Arm, und ich schwitzte weiterhin von Kopf bis Fuß. Und meine Brust, meine Schulter, mein Nacken und sogar mein Rücken schmerzten sehr. Es war ein vielschichtiger Schmerz, der Muskeln, Knochen, Venen und Sehnen betraf. Und mein Herz schlug weiterhin sehr kräftig in meiner Brust. Ich hatte das Gefühl, in etwas zu versinken, das kein Schlaf war, sondern eine Ohnmacht. Würde ich ohnmächtig werden? Jetzt spürte ich, wie mein ganzer Körper zitterte, vom Kopf bis zu den Fußsohlen. Und mir war so schwindelig, dass ich das Gefühl hatte, wie in einem Strudel zu versinken. Nun gut, vielleicht war es das Beste. Vom Tod im Schlaf überrascht zu werden, war eine gute Art zu sterben. Osorio würde mich am Morgen anrufen, so wie wir es vereinbart hatten, und wenn er keine Antwort erhielt, würde er wissen, dass ich im Schlaf gestorben war, und sofort Meldung machen, damit der Krankenwagen kam. Die Sanitäter würden feststellen, dass ich bereits tot war, und meinen Leichnam in die Urnenhalle von Madrid bringen. Sofort – oder besser gesagt, nach dem unvermeidlichen Papierkram – würden sie mich einäschern. Die Würmer hätten sich bereits an meiner Leiche gütlich getan, doch das Feuer würde sie vernichten. Meine Brust schmerzte furchtbar. Ja, das war kein bloßer Anflug. Es war das Ende. Ich hatte keine Angst, ich hatte nur Schmerzen. Ich spürte, wie ich in etwas Zähflüssiges und Unübersichtliches versank – offensichtlich war es nicht der Schlaf, sondern die Morgendämmerung, der Empfang durch den Tod. Es tröstete mich nicht, mir vorzustellen, dass ich in wenigen Minuten (Sekunden?) wissen würde, ob es Gott gab, ob wir eine Seele hatten, die das Verschwinden jener körperlichen Energie überlebte, die mein Herz schlagen und das Blut durch meine Adern fließen ließ, oder ob es in der Zukunft nur Stille und Vergessen geben würde, einen langsamen Verfall des Organismus, bis die Flammen dieses schmutzige und feuchte Fleisch auslöschten, das bereits zu verfaulen begann, als es verbrannt wurde.

Madrid, 15. Dezember 2020