Warum schreibt man Geschichten, die bloß erfunden sind? Weil sie sich dem Schriftsteller aufdrängen, weil seine „Dämonen“, also Obsessionen, ihm bestimmte Inhalte oder Themen vorgeben. So erklärte sich Mario Vargas Llosa schon am Anfang seiner Laufbahn den Antrieb dichterischen Schaffens. Der Dämon-Theorie entsprechend ist sein Prosawerk von wiederkehrenden Motiven durchzogen. Als er auf die 70 zugeht, veröffentlicht er einen Roman, der die Obsession selbst zum Thema macht. Die Hauptfigur ist ihr Leben lang und über alle Frustrationen hinweg einer Jugendliebe verfallen. Ricardo Samurcio ist wie die Figuren Alberto in Die Stadt und die Hunde und Santiago in Gespräch in der Kathedrale ein Ebenbild des Autors, abzüglich eines wesentlichen Merkmals: Sie haben keine literarische Passion bzw. sie verkennen diese und landen damit in der bürgerlichen Mittelmäßigkeit (Letzteres wird im Erstlingsroman nur angedeutet und in der Kathedrale ausgestaltet). Ricardo ist bloßer Übersetzer und schreibt somit ohne Kreativität. Allerdings sagt ihm die Frau, die er sein Leben lang begehrt hat, am Ende, dass er in Wirklichkeit Schriftsteller habe werden wollen und sie ihm mit ihren Abenteuern und Streichen den Stoff für einen Roman verschafft habe. Eine selbstreferentielle Pointe – der Roman thematisiert sich selbst –, wie sie Vargas Llosa in seinem autofiktionalen Roman Tante Julia und der Kunstschreiber auskostete, und zugleich zeigt sich hier eine Bedeutungsverschiebung, die mit der Obsession einhergeht: Denn das „böse Mädchen“ als Objekt erotischer Liebe erscheint nun wie eine Stellvertreterin literarischen Strebens. Mit ihrer Lüge, eine Chilenin zu sein, beginnt der Roman, worin eine Entsprechung zu Vargas Llosas Auffassung von Literatur als unwahrer Erfindung liegt. Und nur ihr gelingt es, ein ins Schweigen verfallenes Adoptivkind zum Sprechen zu bringen – eine rätselhafte Wendung, hinter der man eine geheime zweite Bedeutung vermuten kann. Eigentümlich ist auch die späte Begegnung Ricardos mit dem Vater des „bösen Mädchens“ auf einer Landzunge nahe Lima. Der Mann hat eine naturmagische Verbindung zum Meer. Er spricht dem Gewässer einen Willen und Gefühle zu und weiß, an welchen Stellen es Wellenbrecher akzeptiert. Das Meer sei „manchmal ein launisches Weibstück, eines von denen, die ‚ja, aber nein‘, ‚nein, aber ja‘ sagen“ (S. 323). Es liegt nahe, dabei an Ricardos Traumfrau zu denken und sich zu fragen, ob diese ihre Launen quasi vom peruanischen Ozean geerbt hat oder, weniger esoterisch gesprochen, ob sie jene unbändige Natur Perus verkörpert, zu der sich Ricardo hingezogen fühlt. Eine weitere sonderbare Episode dieses Buchs ist, dass sich das „böse Mädchen“ einem japanischen Gangster ausliefert. Man könnte das für ein mehr oder weniger unbewusstes Echo auf Fujimori halten, jenes japanischstämmigen Politikers, dem Vargas Llosa bei der Präsidentschaftswahl unerwartet unterlag und der sich als Diktator entpuppte.

In dem Roman geht es neben der zwiespältigen erotischen Hingabe, hinter der eine literarische aufscheint, um das widersprüchliche Verhältnis zum Heimatland. Neben der Leidenschaft für das „böse Mädchen“ ist Ricardos zweite Sehnsucht ist Paris (hierin mit dem Autor identisch), doch heimisch wird er dort nicht. In Europa vermisst er Freundschaft „im peruanischen Sinne“. Das erste Kapitel, das die von Freundschaft und Liebe erfüllte Jugend in Lima-Miraflores in stellenweise hymnischem Ton auferstehen lässt, wirkt von daher wie eine melancholische Erinnerung. Wehmütig wird der Ich-Erzähler, als er in London einer Landsmännin begegnet und den „sanften Ton, die zahlreichen Diminutive und die Melodie meines alten Viertels Miraflores“ hört (S. 146). Andererseits merkt er, dass er sich vom Denken und der Weltsicht seiner Landsleute losgelöst hat, dass er „in vielerlei Hinsicht kein Peruaner mehr“ ist. Vielleicht sei er „bloß ein Dolmetscher, jemand, der […] nur ist, wenn er nicht ist, ein Hominide, der existiert, wenn er aufhört zu sein, was er ist, damit die Dinge, die andere denken und sagen, besser durch ihn hindurchgehen können“ (S. 146). Dem Ich-Erzähler kommt das eigene Leben „leer“ vor und er sieht seine Zukunft als die eines „hoffnungslosen Hagestolzes und Fremden, der sich niemals in sein geliebtes Frankreich integrieren würde“ (S. 157). Im Übersetzertum bündeln sich also die Defizite dieser Lebensgeschichte: kein Künstler zu sein, keine Heimat zu haben und, wie auch anhand des Dolmetscherkollegen Salomón Toledano, der Literatur und Romantik ablehnt und als Ersatz Briefmarken und Bleisoldaten sammelt, deutlich wird, niemanden zu lieben (S. 157 f.). Toledano zufolge hat der Beruf aber einen Vorzug: Indem der Dolmetscher nur für andere spricht, richtet er keinen Schaden an (S. 158).

Das „böse Mädchen“ ist der Gegenpol von alldem: Es schadet anderen Menschen, indem es sie hintergeht, und es führt ein Leben mit einer Fülle an wechselnden Existenzen. Sie ist mehrere Personen nacheinander, ein Proteus, während der Übersetzer zum Niemand wird. Ricardo ist ehrgeizlos und mittelmäßig, sie hat den Ehrgeiz aufzusteigen, wobei aber dieses Streben materialistisch ist, während er der idealen Liebe nachhängt. Sie lebt gefährlich und trägt schwere Verletzungen davon; er dagegen übersteht alles unversehrt, ohne je Mut zu entwickeln. Die Pointe am Romanschluss besteht auch darin, dass sie ihm bescheinigt, sich „nicht getraut“ zu haben, statt literarische Texte zu übersetzen, selbst welche zu kreieren. Schriftsteller zu sein bedeutet, etwas zu wagen.

Während aus dem Untergrund der Romanhandlung solche existenziellen Fragen auftauchen, wirken auf deren Oberfläche zeitgeschichtliche Umschwünge und Moden ein, sei es die schon auf der ersten Seite zu Ehren kommende Mambo-Welle im Jahr 1950, die Ablösung der politisch-philosophischen Studentenkultur durch die Hippies und Beatniks nach 1968, die Systemwechsel in Peru, die Ausbreitung von AIDS, die Perestroika oder fremdenfeindliche Strömungen in Europa. Ein Forrest-Gump-mäßiges Panorama. Weil beides, persönliche Identitätssuche und Insignien kollektiver Identität, von Vargas Llosa selbst so erlebt und nicht theoretisch erschlossen wurde, wirkt dieser Roman bei aller Unwahrscheinlichkeit der Liebesgeschichte und trotz mancher Klischees1 außerordenlich lebendig.

  1. In Wien beispielsweise muss es ein Schnitzel und ein schäumendes Bier sein, was der Ich-Erzähler zu sich nimmt. In Hinblick auf Stereotype (etwa der wiederkehrende Vergleich der Augenfarbe mit dunklen Honig) immunisiert sich der Roman selbst, indem er den Kitsch zum Thema in den Gesprächen der beiden Protagonisten macht. Ohnehin bekennt Vargas Llosa, dass er dem Kitsch in der Literatur nicht abgeneigt ist. ↩︎

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