Dass Eltern ihre Töchter dem Diktator anboten, wenn er durch das Land reiste, war eine der ungeheuerlichen Geschichten, die Mario Vargas Llosa erzählt wurden, als er 1975 in der Dominikanischen Republik weilte, um Dreharbeiten für die Verfilmung seines Buchs Der Hauptmann und sein Frauenbataillon zu begleiten. Eine andere: Der Staatschef suchte die Ehefrauen seiner Minister auf, um mit ihnen zu schlafen, was diese in den meisten Fällen über sich ergehen ließen – wo nicht, mussten sie sich durch sofortige Ausreise in Sicherheit bringen. Rafael Leónidas Trujillo, der von 1930 bis 1961 die Karibikinsel beherrschte, unterwarf Gefolgsleute und Bevölkerung in noch weiter reichender Weise, als man es von totalitären Systemen sonst kennt, nämlich auch in intimster körperlicher und seelischer Hinsicht.

Vargas Llosa schafft ein Bild dieser Herrschaft in drei Handlungssträngen: Rückblicke von Urania, Tochter eines Ministers, an der sich der Diktator sexuell verging, zweitens der letzte Arbeitstag Trujillos vom Aufstehen vor dem Morgengrauen bis zu seinem Tod am Abend, und zum Dritten die Herbeiführung dieses Todes durch sieben Attentäter sowie deren Verfolgung danach. Der Stoff ist an sich schon voller Spannung, doch wird diese noch erhöht, indem der Leser am Anfang nicht ahnt, dass die im ersten Kapitel eingeführte End-Vierzigerin Urania dieselbe Person vor über 30 Jahren ist, die Trujillo in Gedanken verflucht, wenn er an einen missglückten Sexualakt zurückdenkt – ebenso wie man zunächst nicht weiß, warum ihr Vater bei Trujillo plötzlich in Ungnade fällt, bis sich die Puzzleteile zusammensetzen: Trujillo ist auf das Mädchen aufmerksam geworden und will es entjungfern; um ihrer habhaft zu werden, deklassiert er den Vater ohne jede Begründung, sodass dieser – aus Verzweiflung und in der Hoffnung auf Rehabilitierung – seine Tochter dem Herrscher für eine Nacht überlässt. Der Autor setzt sein narratives Mittel der fehlenden oder aufgeschobenen Information hiermit überaus effektvoll ein. Hierzu gehört auch ein Cliffhanger am Ende des dritten Kapitels, in dem der Leser den Plan der nachts an einer Landstraße auflauernden Verschwörer noch nicht überblickt und ihn daher die Anfahrt eines Autos ohne Licht über den Fortgang bangen lässt.

Auch die für Vargas Llosa typische Montagetechnik verstärkt die Wirkung des Erzählten, ohne (wie zuweilen in seinen anderen Erzählungen) das Verständnis zu erschweren. Zum Tragen kommt sie in den Dienstbesprechungen, während derer Trujillo an Anekdoten aus dem Leben seines Gegenübers denkt und sich somit Überlegungen aus dem Maschinenraum der Diktatur mit Persönlichem vermengen, wenn die Verschwörer am Straßenrand auf Trujillos Wagen warten und dabei ihre Beziehungen untereinander und die Erinnerungen an Eskalationen in ihrem Privatleben den angespannten Moment überlagern, und im Gespräch von Urania mit ihren Verwandten. Gedanken und Ausgesprochenes kontrastieren dabei miteinander und ‚Teleskopdialoge‘, also dass innerhalb eines Wortwechsels ein früherer hervorkommt, erzeugen Pendelschwünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wenn Urania über ihre Kindheit spricht und dabei das Verhalten ihrer Vaters eingeflochten wird, bleibt zudem in der Schwebe, inwiefern dies bloß eine subjektive Vorstellung oder die Information eines allwissenden Erzählers ist. Zudem changiert in den Urania-Kapiteln die Erzählinstanz, welche von der Rede in der dritten Person zur Du-Anrede übergeht, als würde die Figur auf einmal in einem Selbstgespräch sein. Auf größerer Ebene werden Perspektivenwechsel vollzogen, indem ein und dieselbe Schlüsselszene wie das Attentat oder der Auftritt des Generals Roman nach dem Anschlag zweimal aus der Sicht verschiedener Parteien erzählt wird.

Körperlichkeit und Anschaulichkeit

Allerdings wachsen die Figuren oder Situationen nicht zur selben Polyvalenz heran, wie es im Gespräch in der „Kathedrale“ – ebenfalls ein Diktaturroman – oder in der Stadt und die Hunde erreicht wird. Es häufen sich nicht ganz so viele heterogenen Motive in Szenen und handelnden Personen an. Obwohl die Hauptfiguren somit weniger komplex sind als in den vorgenannten Werken, treten sie uns plastisch vor Augen, weil neben ihren Absichten und Gefühlen ein Akzent auf ihre Körperlichkeit gelegt wird. Das gilt vor allem für Trujillo: Wir bekommen mit, wie ihn Gefühle durchwallen („Die Wut stieg auf sämtlichen verschlungenen Pfaden seines Körpers in ihm hoch, ein Lavastrom, der sich bis zu seinem Gehirn hochwälzte, das zu knistern schien“ , S. 55), wie sich seine Lungen mit Meeresluft füllen, wie er die Begierde auf eine Gespielin im Hoden spürt und wie er an seiner Inkontinenz leidet. Der Diktator frönt einem Körperkult und einer Reinlichkeit, die an die Figur Rigoberto aus anderen Prosastücken Vargas Llosas – obwohl deren Sujet ein ganz anderes ist – erinnert: „Sauberkeit, Körperpflege und äußere Erscheinung waren für ihn die einzige Religion gewesen, die er bewusst praktizierte“ (S. 29). Eine andere Parallele zwischen der Trujillo-Figur und früheren Werken ist die Betonung des Augenausdrucks: Mehrfach wird sein bezwingender Blick beschrieben, allerdings ohne die farbigen Metaphorisierungen, wie man sie aus dem Grünen Haus oder im Krieg am Ende der Welt kennt.

Körperzentriert im schrecklichen Sinne wird die Darstellung in zweiten Hälfte des Buchs, in dem geschildert wird, wie die gefangenen Verschwörer gefoltert werden. Vargas Llosas Werk enthielt schon manche Grausamkeiten (man denke an Quälereien im Militärinternat in der Stadt und die Hunde, an die Machenschaften des Geheimdienstchefs in der Kathedrale, an das Abschlachten im Krieg am Ende der Welt oder an die Steinigung im Tod an die Anden), doch all das wird hier übertroffen.

Andererseits geht die Körperbetonung mit anschaulichen Situationsbeschreibungen einher. Zum Teil sind es beiläufigen Betrachtungen, von denen offen ist, ob sie über ihren Realismus hinaus etwas Symbolisches andeuten, beispielsweise wenn die ehemalige Villa eines Ministers, dessen Ehefrau Trujillo nachstieg, erwähnt wird („Don Froilán lebte in dem Haus gegenüber, auf dessen Dach in diesem Augenblick ein halbes Dutzend Tauben sitzen, in einer Reihe und in Startposition.“, S. 69) oder wenn die frühmorgendliche Besprechung zwischen Trujillo und Johnny Abbes, dem Leiter der Staatssicherheit, so beginnt: „Er ließ sich gegenüber dem Schreibtisch des Chefs nieder, ein Tässchen Kaffee in der Hand. Es war noch Nacht draußen und das Amtszimmer halbdunkel, nur erleuchtet von einer kleinen Lampe, die Trujillos Hände in einem goldenen Kreis einschloss“ (S. 81). In derselben Sitzung betrachtet der Regierungschef seinen Sicherheitschef prüfend, „wie ein Entomologe ein schwer zu klassifzierendes Insekt“ (S. 84), während er im nächsten Meeting den Senator Chirinos „mit der Zärtlichkeit anschaute, mit der ein Bettler seinen räudigen Hund anschaut (S. 164) – zwei bildhafte Vergleiche, mit denen der Roman überrascht und von denen man nicht weiß, ob man darüber schmunzeln oder schaudern soll.

Zynisches Lachen

Ohnehin herrscht im Dunstkreis des Diktators eine verquere Komik, bei der Ironie und Heiterkeit in Zynismus und Bösartigkeit umschlagen. Relativ harmlos noch, wenn Trujillo Abbes über dessen Ehe mit einer burschikosen Frau ausfragt:

„Was ich jedoch nicht fassen kann, ist, dass Sie dieser Missgeburt Kinder machen konnten.“

„Ich versuche, ein guter Ehemann zu sein, Exzellenz.“

Der Wohltäter brach in Lachen aus, laut wie in früheren Zeiten.

„Sie können witzig sein, wenn Sie wollen“, sagte er anerkennend. „Sie haben sie also aus Dankbarkeit gevögelt. Dann steht Ihnen der Stummel also, wenn Sie wollen“ (S. 100)

Größer wird die Niedertracht, wenn Chirino, für den sich Trujillo die vielleicht noch lustigen Spitznamen ‚Flüssiger Verfassungsrichter‘ (in Anspielung auf dessen Alkoholismus) und dann die Schmähung ‚Lebender Dreck‘ ausgedacht hat, so kommentiert wird: „Immer war er auf unangenehme Weise hässlich gewesen, so sehr dass seine Freunde vor zehn Jahren bei dem Autounfall, den er wie durch ein Wunder überlebte, dachten, die kosmetische Chirurgie könnte ihn nur zum Guten verändern. Sie tat es zum Schlechteren“ (S. 155). Beim Mittagessen, zu dem Trujillo seine Höflinge und seinen ehemaligen Ausbilder bei den US-Marines einlädt, entwickelt sich eine zynische Diskussion über die Zahl der Haitianer, die das Regime ermorden ließ, als ginge es um eine Sachfrage. Nachdem Chirinos fünf- bis achttausend nennt, überbietet ihn ein Militär:

„Der Senator greift zu kurz. Ich war da, Zwanzigtausend, nicht weniger.“

„Und wie viele hast du selbst abgemurkst?“ scherzte der Generalissimus. Wider lief das Lachen wie in einer Welle um den Tisch, ließ die Stühle knarren und das Glas klirren. (S. 228)

Aber es geht noch grausiger: In den Folterkammern wird zwei Männern nach Wochen des Hungerns ein Fleischgericht vorgesetzt. Nachdem sie es verschlungen haben, fragt der Wärter den einen, ob es ihn nicht ekele, seinen eigenen Sohn zu verzehren. Der Häftling will das als Lüge zurückweisen, doch der Scherge präsentiert ihm lachend den abgetrennten Kopf des Jungen.

Momente der Mitmenschlichkeit

Der Gegenpol zu solcher Unmenschlichkeit sind Momente von Mitgefühl und Brüderlichkeit – auch dies ein Topos im Werk Vargas Llosas. Sie begegnen hier zwischen dem Leutnant Amadito, der zunächst auf der Seite Trujillos steht, und dem tiefkatholischen Regimefeind Salvador, Ehemann einer Tante Amaditos. Nachdem sie sich in einem vertraulichen Gespräch der Treue zueinander über die politischen Loyalitäten hinweg versichert haben, heißt es: „Salvador schaute ihn mit seinem reinen Blick an, der in Amadito immer das belebende Gefühl erweckte, das Leben lohne sich“ (S. 45). Salvador ist es, der Amadito moralisch stützt, als dieser gezwungen wird, eine Liebesheirat auszuschlagen und den Bruder der Geliebten zu erschießen. Beispiele von Mitmenschlichkeit häufen sich dann gegen Ende des Buchs, wenn Beteiligte an der Verschwörung, denen das Regime nach dem Tote trachtet, aufgenommen werden von Freunden oder nur Freundesfreunden, die damit ihr Leben riskieren.

Schließlich geht mit Uranias Aufarbeitung der Vergangenheit die Hoffnung einher, dass die persönliche Verbundenheit stärker ist als die Spaltung und Zerstörung als Folgen staatlicher Gewalt. Sie floh, nachdem sie von Trujillo missbraucht worden war, in die Vereinigten Staaten, verweigert fortan den Briefkontakt zum Vater und zur Verwandtschaft und lässt nie wieder zu, dass sich ein Mann ihr nähert. Indem sie nach über 30 Jahren zurückkehrt und den Hinterbliebenen erzählt, was ihr widerfahren ist, ermöglicht sie nicht nur, dass diese das wahre Ausmaß der Diktatur erkennen, sondern auch, dass die Beziehungslosigkeit endet. Zumindest die Briefe ihrer jungen Nichte, so beschließt sie und damit schließt auch der Roman, werde sie beantworten. Uriana erweist sich ähnlich wie der Journalist im Krieg am Ende der Welt als Erzähler-Figur in der Erzählung und ihr Beispiel enthält somit eine metaliterarische Botschaft, nämlich dass Erzählen zur Verständigung führen und Beziehungen stiften kann.

Inhaltlich wie erzähltechnisch greift Das Fest des Ziegenbocks viele Aspekte der bisherigen Romane Vargas Llosa auf und führt sie in eine spannende wie politisch-historisch erhellende Geschichte zusammen. In diesem Sinne stellt das Buch einen Gipfelpunkt in seinem gesamten Schaffen dar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert