„Gallia est omnis divisa in partes tres“ – der Einstiegssatz in Cäsars Beschreibung Galliens wurde zu einem Topos im europäischen Denken, dem im Selbstverständnis der Peruaner die Vorstellung ähnelt, dass sich auch ihr Land in drei Teile gliedert: den Küstenstreifen im Westen (Costa), das östliche Urwald-Tiefland (Selva) und das Andenhochland dazwischen (Sierra) als unterschiedliche Natur- und Kulturräume.1 Vargas Llosa, zum Dualismus neigend, reflektierte hiervon zunächst den Gegensatz von Küste und Selva, den er mit seinem zweiten Roman das Grüne Haus aufspannt, um ihn mit den Erzählungen Wer Palomino Montero umgebracht? und Der Geschichtenerzähler nach beiden Seiten hin zu ergänzen. Die Sierra als drittes Element Perus spielt in Maytas Geheimnis eine Rolle und wird dann Schauplatz eines Romans, der wie die Geschichte über Palomino Montero die Figur Lituma aus dem Grünen Haus auferstehen lässt: Lituma en los Andes bzw. in deutscher Übersetzung Tod in den Anden erscheint, nachdem der Autor auf Wahlkampftouren weitere Eindrücke dieses Landesteils gesammelt hat – über seine Erfahrungen bei der Aufarbeitung von Mordfällen im Andendorf Uchuraccay Anfang der 80er Jahre hinaus.

Lituma, der Polizist aus Piura und somit der Küstenregion, ist in den Gebirgsort Naccos versetzt. War er in Palomino Montero noch der Assistent eines Ermittlers, ist er jetzt Korporal, dem ein Gehilfe zur Seite steht, Tomas Carreno, der einer Liebesaffäre mit einer Piuranerin nachtrauert. Anhand dieser Konstellation treten Gegensätze im Temperament zwischen Küsten- und Bergbewohnern hervor: Jene, die wie Lituma aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und sich fluchend oder mit Sarkasmus Luft verschaffen – diese verschlossen und ausdruckslos. Das Buch beginnt damit, dass sich eine Indiofrau kaum artikuliert, während Lituma – genauso wie sein Vorgesetzter am Anfang des Vorgängeromans – zu Schimpfwörtern greift, um seinem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Die Andinos wirken wie die Berge undurchdringlich und abgründig, ihre Fantasiewelt ist grausam (so wie die sie umgebende Natur in Gestalt von Wolkenbrüchen, heißen Tagen und eiskalten Nächten, zackigen Gipfeln und zerstörerischen Erdrutschen) und ihre Musik traurig, wohingegen Piura mit „seinen offenen und fröhlichen Menschen, die außerstande waren, Geheimnisse zu hüten“ Lituma wie ein Paradies erscheint (S. 215).

Aufschaukeln des Schreckens

Zwar beginnt das Buch mit der unheilvollen Nachricht vom Verschwinden dreier Menschen und dem Verdacht, dass Terroristen des maoistischen „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) dafür verantwortlich sind, doch vermittelt wird dies durch ein Gespräch zwischen Lituma und Tomas, bei dem Galgenhumor und Sympathie mitschwingen, womit dem Geschehen die Schwere genommen wird. Umso bestürzender ist der anschließende Abschnitt, der von einem französischen Pärchen erzählt, das sich enthusiastisch auf den Weg gemacht hat von Lima nach Cusco, und zwar nicht mit dem Flugzeug, wozu der Botschafter geraten hatte, sondern per Bus, um die grandiose Landschaft zu erleben. Dass diese Landschaft als ausgestorben und „abweisend“ beschrieben wird, dass die Mitreisenden keinerlei Notiz von ihnen nehmen, dass bei Anbruch der Nacht die Luft eisig wird, muss noch nicht beunruhigen, auch nicht dass sie aus dem Schlaf gerissen werden, weil der Wagen von Menschen umringt stoppt – erst als Michelle, das Mädchen, sagt: „Ich dachte, es sind Soldaten, aber nein, sie mal, da weinen welche“, ahnt man Böses. Waffen, maskierte Gestalten, harsche Befehle verstärken die Spannung einerseits, die Gewissheit ihres Freundes Albert, dass ihnen als unbeteiligte Touristen nichts passieren wird und dass seine Travellerchecks im Gürtel gut versteckt sind, wirken ihr andererseits entgegen. So scheint es nicht schlimm, dass die beiden wie alle anderen ihre Papiere abgeben und vor dem Bus in der Kälte warten müssen, doch unerbittlich ist die Behandlung schon: „Die Minuten dehnten sich zu Stunden“. Dann die Erleichterung: Die Passagiere dürfen in den Bus zurückkehren und „der böse Spuk fand offenbar ein Ende“ – wenn nicht die Maskierten dem Pärchen den Eintritt verwehren würden und der Bus ohne sie abführe. Albert beschwichtigt noch: „Sie werden Lösegeld von der Botschaft verlangen“, aber seine Freundin verwirft diese Annahme, indem sie auf einen einheimischen Fahrgast weist, der ebenfalls zurückgehalten wurde, bevor sie und damit der Leser dem Horror ins Auge blicken: „‚Siehst du die Steine‘ wimmerte sie. ‚Siehst du die? Siehst du sie'“. Erst wird der andere Fahrgast gesteinigt, dann heben die Angreifer, fast noch Kinder „mit rauhen, von der Kälte schwärzlich verfärbten Gesichtern, wie die derben Füße in den aus Autoreifen gefertigten Sandalen“, an, die jungen Liebenden zu zertrümmern.

Es ist eine sich aufschaukelnde Schreckensdramatik, die beklemmendste im Buch und wohl auch im ganzen bisherigen Werk Vargas Llosas, die in diesem Moment mit dem Flehen Alberts abbricht. Nach einem Schnitt folgt etwas Spiegelbildliches: Eine Frau wird von einem Mann geschlagen, bis sie wimmert. Erzählt wird das von Tomas, damals Wächter des in Drogengeschäfte verwickelten Täters, der eine Prostituierte peitscht. Er erschießt ihn und flieht mit ihr, weil er in sie verliebt ist. Per Lastwagen und Bus schlagen sie sich nach Lima durch, wo ihn die Frau verlässt, denn trotz seiner selbstlosen Gefühle und wagemutigen Einsätze erwidert sie seine Liebe nicht. Melancholisch erzählt Tomas Lituma sein Abenteuer aus edler Romantik und kriminellen Zutaten, das dieser durch die Brille eines Machos und Menschenkenners kommentiert. Vargas Llosa bedient sich hierbei seiner Montagetechnik, indem erinnerte Geschehnisse und Wortwechsel mit Assoziationen Litumas bzw. dem Zwiegespräch zwischen Lituma und Tomaso abwechseln. Mal erzählt Tomas aus Ich-Perspektive, mal wird sein Abenteuer in dritter Person wiedergegeben. So pendeln die Ansichten zwischen jugendlicher Sehnsucht und Abgeklärtheit eines Älteren hin und her, und daraus bezieht die Unterhaltung Reiz und Witz, zumal der Leser schnell zuordnen kann, von wem das Gesagte stammt und worauf es sich bezieht. Im sechsten Kapitel wird das Modell dahingehend modifiziert, dass Lituma und Tomas aneinander vorbeireden, indem sie über verschiedene Vorfälle monologisieren.

Die drei Themenkomplexe – die Verschwundenen in Naccos, die Bluttaten des Sendero Luminoso und Tomas Liebesgeschichte – konstituieren die weiteren vier Kapitel des ersten Romanteils, und zwar in gleichbleibender Reihenfolge. Nach dem französischen Pärchen werden eine Vicuña-Herde, eine Ökologin aus Lima und eine Dorfgemeinschaft Opfer der umherziehenden Terroristen. Wieso die jungen Täter so grausam geworden sind, davon erfährt man jedoch nicht viel. „Es war ein junger Bursche mit hartem Blick, mit dem Ausdruck von jemanden, der viel gelitten hat und großen Hass empfindet“, heißt es einmal (S. 63). Undurchsichtig bleibt bis zum Schluss auch die Einheimischen, von denen das Bild entsteht, den Terror reglos zu ertragen, wenn nicht opportunistisch zu nutzen, und aus Aberglauben selbst unmenschlich zu werden, indem sie Gemeindemitglieder opfern, um Naturgottheiten gnädig zu stimmen. Dass Vargas Llosas Meinung von den Andenbewohnern nicht derart einseitig und pessimistisch ist, sondern dass er bei ihnen Gemeinsinn wahrnimmt, geht aus seinem Schilderungen über den dortigen Wahlkampf und seine Idee hervor, dort Kooperativen zu bilden.2 Offenbar geht es aber in Roman weniger darum, individuelle Ursachen zu ergründen und zu differenzieren. Vielmehr wird das Geschehen mythologisch aufgeladen, es scheint, ähnlich wie im Vorgängerwerk Palomino Montero eher archetypisch als psychologisch motiviert. So wird im zweiten Teil des Buchs Gewalt und das Verschwinden von Menschen mit Herrschafts- und Glaubenspraktikern der Inka und der von einen unterworfen Huancas, aber auch europäischer Urvölker in Verbindung gebracht. Zudem tritt nun an die Stelle terroristischer Aktionen in den mittleren Unterkapiteln folkloristische Legenden „voller Blut, Leichen und Scheiße“ (S. 260), die mit der altgriechischen Sage von Dionysos und Ariadne verquickt wird.3

Ideologien spielerisch ad absurdum führen

In einem Interview erklärt Vargas Llosa diesen Kunstkniff: Er sei, als er an dem Buch schrieb, in der Bibliothek in Princeton zufällig darauf aufmerksam geworden, dass die Anhänger des Dionysos-Kults Menschen opferten. Dieser Mythos handele davon, was geschieht, wenn die Menschen ihre Vernunft aufgeben und nur noch den Instinkten, den Leidenschaften folgen: blinde Gewalt, Zerstörung der anderen. Dies sei in den achtziger Jahren auch in Peru passiert, wo der Leuchtende Pfad fanatisch, dogmatisch und fast religiös einem Ziel verhaftet gewesen sei und die Armee zu unsäglich brutalen Reaktionen provoziert habe. „Die Bauern konnten sich rational nicht erklären, was vorging. Und so gaben sie sich völlig dem Irrationalismus hin, öffneten sich all dem Aberglauben, der Magie, den alten Riten. Um die Gewalt aus den inneren Antrieben der Menschen heraus also besser erklären zu können, habe ich kurzerhand Dionysos in die Anden versetzt. […] Ich wollte zeigen, dass der Mythos im Grunde universal ist und sich somit in andere Gegenden versetzen läßt. Das Spiel hat mir viel Spaß gemacht.“4

Insofern schlägt Vargas Llosa einen anderen Weg der Ideologiekritik ein als bisher in seinen Geschichten. Er lässt die Fanatiker nicht scheitern, sondern er jongliert mit ihren Wahnvorstellungen. Es gibt nur eine „Ideologie“, die nicht gemeingefährlich ist, wie aus Litumas Worten an Tomas auf den letzten Zeilen vor dem Epilog, sozusagen als Subsumption der verschiedenen Handlungsstränge, deutlich werden soll: „Haben denn nicht alle hier ihre fixe Idee? Sind die Terroristen nicht wahnsinnig? Dionisio, die Hexe, sind sie nicht rettungslos verrückt? War dieser Leutnant Pancorvo, der einen Stummen versengt hat, um ihn zum Reden zu bringen, nicht durchgeknallt? Gibt es größere Spinner als diese Indios, die sich vor mukis und Schlächtern fürchten? Fehlen denen, die Leute verschwinden lassen, um die apus der Berge zu beschwichtigen, nicht ein paar Schrauben? Dein Liebeswahn schadet wenigstens keinem außer dir selbst.“ (S. 345). Tomas‘ Sehnsucht für Mercedes erfüllt sich am Ende des Buches. Sie, die ihn verschmäht hat, entscheidet sich für ihn, und Lituma ist feinfühlig genug, seinem jungen Kollegen, der von seinem Glück noch nicht weiß, den Polizeiposten für die Liebesnacht zu überlassen. Als Kontrapunkt zu diesem Märchenschluss steht Litumas Entdeckung, dass es im Dorf Kannibalismus gibt.

  1. Prägend hierfür José Carlos Mariategui: Siete ensayos de interpretaciòn de la realidad peruana, 1928. ↩︎
  2. MVLL: Der Fisch im Wasser. Kapitel 10. ↩︎
  3. Erkennbar an den Namen Naccos für Naxos, Dioniso für Dionysos, Adriana für Ariadne. ↩︎
  4. »Die Massen wollen Blut«. Der Spiegel, 15/1996. ↩︎